ANKOWITSCH AKTUELL
Trampelpfade
14.08.2010Ankowitsch: Herr Prof. Helbing, Sie haben die Entstehung von Trampelpfaden erforscht. Wie kommt man als Wissenschaftler auf die Idee, sich mit einem derart exotischen Thema zu beschäftigen?
Helbing: Das ist kein exotisches Thema, ganz im Gegenteil! An Trampelpfaden lässt sich beispielhaft untersuchen, wie sich Systeme selbst organisieren. In diesem Fall geht es um die Frage, wie Menschen gemeinsam etwas Sinnvolles schaffen, ohne sich gegenseitig abzusprechen.
A: Aber Sie werden nicht eines Tages ins Büro gegangen sein und sich gedacht haben: Ab heute widme ich mich Trampelpfaden.
H: Sie werden lachen, aber genau so war es: Aus meinem Fenster an der Stuttgarter Uni habe ich jeden Tag auf ein ziemlich auffälliges Trampelpfadsystem geschaut. Es hat sich also aufgedrängt. Aber es gab natürlich einen Anstoss: Architekten um Frei Otto und Klaus Humpert haben uns im Rahmen eines großen gemeinsamen Forschungsprojektes inspiriert zu erforschen, wie Wegesysteme entstehen.
A: Welche Erkenntnisse konnten Sie beisteuern?
H: Dass Trampelpfade in zwei Fällen entstehen: Wenn Wege gänzlich fehlen – oder Menschen das Gefühl haben, dass die vorhandenen nicht gut genug sind.
A: Geht es den Menschen immer darum, möglichst schnell ans Ziel zu gelangen?
H: Nicht unbedingt. Sie suchen zwar prinzipiell Abkürzungen, aber sie wählen nicht immer die kürzeste Verbindung zwischen Ausgangspunkt und Ziel. Bisweilen machen sie auch Umwege.
A: Weil sie sich verlaufen?
H: Nein, aus einem viel interessanteren Grund: Trampelpfade müssen ja unterhalten werden wie normale Wege auch; wenn man sie zu selten benutzt, verschwinden sie wieder unter Gras und Gestrüpp. Daher kann es sinnvoll sein, wenn sich Menschen, die am selben Ort starten, aber zu verschiedenen Zielen wollen, einen Teil des Weges teilen.
A: Das geht doch zwangsläufig auf Kosten einer Gruppe.
H: Überraschenderweise nein. Trampelpfade haben die Tendenz, fair zu sein und allen den gleichen relativen Umweg zuzumuten.
A: Wie weit reicht denn die Kompromissbereitschaft?
H: Erst wenn die Gesamtstrecke durch den Umweg 20 bis 30 Prozent länger wird, beginnen Menschen, eigene Pfade zu bahnen. Darin sind sie sehr konsequent, denn sie tun das auch bei Strecken, die bloß zehn Meter lang sind. So entstehen ganz erstaunliche Mini-Abkürzungen, wie Sie sie in Parks sehen können, wo Menschen lieber vier Schritte durch die Wiese gehen, als einen etwas längeren Weg zu nehmen.
A: Gibt es einen klassischen Typ, der Trampelpfade begründet? Individualisten? Anarchisten?
H: Das könnte vermutlich jeder von uns sein – man muss es nur eilig genug haben, und schon rennt man quer durchs Gelände, anstatt auf dem vorgesehenen Weg zu bleiben. Auf diese Weise hinterlässt man eine Spur, die wiederum das Verhalten anderer beeinflusst.
A: Weil diese Spur den anderen verspricht: Mir nach, hier geht es schneller?
H: Richtig, diese Spur entwickelt einen „Attraktionseffekt“, wie wir das nennen, sie zieht weitere Menschen an. Womit ein Rückkopplungseffekt entsteht: Der Mensch verändert die Umwelt, die wiederum das Verhalten der Menschen verändert und immer so fort.
A: Wie würden Sie das Ergebnis dieses kleinen Kreisverkehrs nennen?
H: Trampelpfade sind ein wunderbares Beispiel für ein sich spontan bildendes Gemeingut: Es nützt allen und entsteht, ohne dass Menschen direkt miteinander interagieren müssen.
A: Ist Ihnen ein besonders eindrucksvolles Beispiel in Erinnerung geblieben?
H: Wir haben zwar jede Menge tolle Trampelpfade fotografiert, aber ich habe mich dann letztlich immer auf Detailfragen konzentriert wie zum Beispiel: Was geschieht, wenn zwei Pfade aufeinander treffen. Was glauben Sie, was geschieht?
A: Wenn Sie so fragen, sicher irgendetwas Aussergewöhnliches.
H: Bevor einer der Wege auf den anderen trifft, beginnt er sich zu teilen und bildet so eine Y-förmige Kreuzung. Diese menschliche Eigenart wird aber von Städteplanern nicht ernst genommen, und dann wundern sie sich, dass die Leute ihre Wege verlassen. Dabei wäre es sehr leicht, organische Lösungen zu finden, die dem natürlichen Verhalten von Fußgängern entsprechen.
A: Ah, ich dachte, Trampelpfade könnten nur anarchistisch entstehen. Sie sind also offensichtlich planbar.
H: Es gibt mittlerweile Stadtplaner, die keine Wegesysteme mehr vorgeben, sondern die entsprechenden Flächen frei lassen. Sie sehen einfach zu, welche Trampelpfade sich entwickeln, um sich daran zu orientieren. Man kann das aber auch aufgrund unserer Erkenntnisse am Computer simulieren.
A: Sind denn Trampelpfade ein städtisches Phänomen, so nach dem Motto: Wie kann ich bloß wieder zehn Sekunden Zeit gewinnen?
H: Keinesfalls. Viele der heutigen Strassen in Europa und den USA folgen alten Handelswegen, die ursprünglich Trampelpfade waren; sie setzen sich aus regionalen Pfaden zusammen, die die Menschen bahnten, indem sie sich an Berggipfeln oder Flüssen orientierten.
A: Und der Jakobsweg, dem Hape Kerkeling nach Santiago de Compostela gefolgt ist – auch ein klassischer Trampelpfad?
H: Mit dem habe ich mich zwar noch nicht wissenschaftlich beschäftigt, aber ich gehe davon aus, dass wir ihn dazu zählen können.
A: Dieser Pfad hat eine Länge von rund 800 Kilometern: Es muss doch jemanden gegeben haben, der den Masterplan dafür entwickelt hat.
H: Wo Menschen zusammenwirken, entsteht Selbstorganisation; das wirkt tatsächlich, als sei eine unsichtbare Hand im Spiel. In Wirklichkeit wird der Weg aber sicher so entstanden sein, wie vorhin beschrieben: Ein Mensch hinterlässt eine Spur im Gelände, ein anderer folgt ihr, bis am Schluss ein hochkomplexes Wegesystem entstanden ist – ganz von selber. Die Systemtheorie nennt dieses Phänomen „Emergenz“.
A: Das heisst: Wir Menschen wirken an Dingen mit, ohne eine Idee davon zu haben, wie groß und beeindruckend sie sich schliesslich entwickeln?
H: Richtig – und wir sind dabei auch noch für einige Überraschungen gut. Nehmen Sie nur die Fähigkeit von Fußgängern, sich selbst zu organisieren: Nicht nur, dass sie voneinander getrennte Bahnen einheitlicher Gehrichtungen herausbilden, um schneller voran zu kommen. Wenn sich zwei Fußgängerströme kreuzen, bilden sie Streifenmuster, die es beiden Strömen erlauben, einander zu durchdringen, ohne dass die Fußgänger stoppen müssen.
A: Ist das einer jener Momente, in denen wir von kollektiver Intelligenz sprechen können?
H: Ich denke, ja – Sie dürfen nur keine allgemein gültige Regel daraus ableiten. Der Straßenverkehr organisiert sich ebenfalls selbst, ist dabei aber nicht immer effektiv; oft kommt es zu Staus.
A: Gibt es eigentlich auch Trampelpfade, die scheitern? Die Menschen ins Verderben führen?
H: Mir fällt spontan kein Beispiel dafür ein. Aber bei Fußgängerströmen kann so etwas geschehen, wie die tragischen Ereignisse von Mekka zeigten, wo 2006 mehr als 300 Pilger starben, oder bei der Loveparade in Duisburg, wo 21 Leute zu Tode kamen.
A: Verlaufen solche Katastrophen nach erkennbaren Regeln?
H: Sie können verschiedene Auslöser haben: Wenn an einem Platz einfach zu viele Menschen zusammenströmen und sie eine enge Stelle passieren müssen oder etwas Unvorhergesehenes passiert. Das Resultat ist aber stets das gleiche: Die Menschen können sich nicht mehr fließend vorwärts bewegen, sondern nur mehr ruckartig; sie müssen stehen bleiben, auf Lücken warten, um weiter zu kommen, dann wieder stoppen und so fort. Wenn also der Fluss zusammenbricht und weitere Menschen hinzuströmen, entsteht in der Menge allmählich ein unerträglich großer Druck. Die Folge sind sogenannte “Crowd Turbulences”, wie wir das nennen, also Massenturbulenzen.
A: Wie sehen die aus?
H: Der einzelne ist dann zwischen den anderen eingezwängt; so können sich die Kräfte von einer Person zur anderen übertragen. Das Problem dabei ist: Der Druck innerhalb der Menschenmenge summiert sich, kann also extreme Werte annehmen.
A: Wie fühlt sich das für den einzelnen an?
H: Grässlich! Im schlimmsten Fall haben die Menschen das Gefühl, als würde ihnen ein Auto auf dem Brustkorb liegen. Es hat uns nicht überrascht, dass alle zwanzig Opfer von Duisburg an Brustquetschungen starben.
A: Hat man als einzelner eine Chance, sich aus einer solchen Situation zu befreien?
H: Kaum. Man wird wie ein Spielball hin und her gestossen, weil der Druck innerhalb der Masse ständig seine Richtung und Stärke ändert. Es fällt ungemein schwer, sich auf den Beinen zu halten; wer zu Boden fällt, läuft Gefahr, von den anderen totgetrampelt zu werden, wie das in Mina bei Mekka geschehen ist. Die Leute machen das nicht mit Absicht oder aus Achtlosigkeit; sie haben einfach nicht mehr genügend Kontrolle über Ihre Bewegungen. Das ist für alle Beteiligten ein traumatisches Erlebnis.
A: Gibt es Mittel, solche Massenturbulenzen zu stoppen?
H: Praktisch nicht. Wenn sie sich erst einmal eingestellt haben, ist es zu spät. Dann können auch zahlreiche Sicherheitskräfte kaum noch etwas ausrichten. Die einzige Chance besteht darin, vorzusorgen. Ich versuche seit vielen Jahren, ein entsprechendes öffentliches Bewusstsein zu schaffen. Es ist doch seltsam: Wir testen und simulieren alles Mögliche, von Autos und Flugzeugen bis zu Elektrogeräten, Medikamenten und Atomtechnik. Geht es jedoch um wirtschaftliche und soziale Systeme, geschieht das so gut wie nicht.
A: Was könnte man denn konkret unternehmen?
H: Wir könnten mit Hilfe von Computern simulieren, wie sich Besucher einer Massenveranstaltung auf einem konkreten Gelände verhalten, wo sich Engstellen befinden, oder was geschieht, wenn es zu einem Unwetter kommt. Bei mehr als einer Million Menschen erfordert das zwar einen ziemlich großen Aufwand, aber Menschenleben müssen uns das wert sein. Im Prinzip wäre es in einigen Jahren sogar möglich, mit Supercomputern noch viel komplizierte Problemstellungen zu simulieren, wie etwa die Finanz- oder Wirtschaftskrise.
A: Zurück zu den Trampelpfaden: Wir gehen die ganze Zeit stillschweigend davon aus, dass es sich um eine positive menschliche Eigenart handelt, den Spuren anderer zu folgen. Man könnte das auch negativ bewerten: Der Mensch hat einen Hang zum Herdentier.
H: Dieser Hang ist sehr stark ausgeprägt, richtig. Wir haben dazu ein Experiment gemacht und Menschen gebeten zu schätzen, wie viele Raubüberfälle es in der Schweiz in einem bestimmten Jahr gegeben hat. Sie sollten also Fakten schätzen, die ungefähr bekannt sind. Entweder mussten sie das unabhängig von einander tun, oder sie wurden über die Schätzungen der anderen informiert.
A: Und wie stand es in diesem Fall um die kollektive Intelligenz?
H: Sie ist eine zweischneidige Sache. Erst gaben die Versuchtsteilnehmer sehr unterschiedliche Schätzungen ab, aber der Mittelwert traf die Fakten gut; sobald sie aber Informationen über die Schätzungen der anderen erhielten, glichen sie ihre Schätzungen aneinander an. Tragischerweise lag das relevante Meinungsspektrum oft daneben.
A: Das heißt: Gruppen können uns blöd machen?
H: Sie drücken das ein wenig drastisch aus, aber es besteht die Gefahr, dass sie in die Irre führen. Was besonders fatal ist, weil ja heute die meisten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen in Gremien getroffen werden. Die Mitglieder dieser Gruppen glauben dann richtig zu liegen, weil sie einen Konsens erzielt haben, vergessen dabei aber, dass man gemeinsam daneben liegen kann. Die Entstehung der Finanzkrise ist ein gutes Beispiel dafür.
A: Ist das Phänomen von Trampelpfaden auf andere Bereiche übertragbar? Auf das Internet zum Beispiel?
H: Durchaus. Das Netz stellt ja ebenfalls eine Welt dar, in der einzelne Menschen Spuren hinterlassen – Datenspuren in Form von Fotos, Kommentaren oder Ratings. Andere Menschen folgen diesen Spuren, indem sie sich an den artikulierten Interessen und Meinungen orientieren.
A: Und Facebook ist so eine Art Jakobsweg durchs Netz?
H: Den Vergleich haben Sie gezogen. Aber Facebook ist zweifellos ein besonders vielbenutztes Trampelpfadsystem im World Wide Web. Durch den „Gefällt mir“-Button und andere Funktionen können Nutzer überall ihre Spuren hinterlassen.
A: Haben die Menschen in der realen und virtuellen Welt die gleichen Motive, Trampelpfaden zu folgen?
H: Ich denke, das haben sie. Im einen Fall nehmen die Leute Abkürzungen, um schneller voran zu kommen, im anderen suchen sie Anhaltspunkte, um rascher Entscheidungen treffen zu können.
A: In der realen Welt sind Trampelpfade davon bedroht, wieder von der Natur überwuchert zu werden. Wogegen müssen virtuelle Trampelpfade verteidigt werden?
H: Gegen die ständig zunehmenden Datenmengen. Die bilden ein wucherndes, urwaldartiges Dickicht, das auch die leistungsfähigsten Algorithmen nur mehr schwer durchdringen können – ganz zu schweigen von uns Menschen.
A: Klingt beängstigend. Welche Art von Machete empfehlen Sie dagegen?
H: Das größte Problem des Internet besteht darin, dass es sich alles merkt. Was auch immer Sie veröffentlichen, es wird dauerhaft gespeichert. Unsere einzige Chance besteht darin, Daten mit einem Verfallsdatum zu versehen; haben sie es erreicht, löschen sie sich. Wir sollten also dem Internet das Vergessen beibringen.
A: Aber es gilt doch als erstrebenswert, sich möglichst viel zu merken.
H: Wenn eine Gesellschaft ihre Mitglieder integrieren will, muss sie vergessen können. Wer gegen soziale Normen verstossen hat und bereut, muss eine faire Chance auf einen Neuanfang haben, sonst ist eine Rehabilitation unmöglich.
A: Jetzt sind wir aber ziemlich vom Weg abgekommen mit unserem Gespräch.
H: Nicht unbedingt. Das Vergessen spielt bei Trampelpfaden eine ebenso große Rolle wie in der Gesellschaft. In ersterem Fall „vergisst“ die Natur unnötig gewordene Pfade, während die bewährten Wege bleiben. In der Gesellschaft fördert es menschliche Kooperation.
A: Was müssen wir denn vergessen, um zusammenzuarbeiten?
H: Die Vergangenheit. Wenn sich unsere Erwartungen ständig am schönsten Tag unseres Lebens orientieren würden, dann wären wir nie zufrieden mit unseren Freunden, Nachbarn und Kollegen; wir wären ständig auf der Suche nach einer besseren Welt. Kooperation entsteht jedoch durch wiederholte Interaktion, d.h. mit Partnern, die sich bewährt haben.
A: Was kann man noch von der Trampelpfadforschung lernen?
H: Dass Menschen bereit sind, ein gewisses Mass an Ineffizienz zu tolerieren. Wir haben ja vorhin davon gesprochen, in welchem Ausmass Menschen Umwege akzeptieren, um gemeinsam einen Trampelpfad zu pflegen. Diesen ominösen 20 bis 30 Prozent bin ich in den unterschiedlichsten Kontexten begegnet und halte sie daher für eine menschliche Konstante.
A: Und auf welchen Bereich liesse sich diese Erkenntnis anwenden?
H: Auf die Steuergesetzgebung zum Beispiel. Ich glaube, dass der ideale Fixsteuersatz maximal 30 Prozent beträgt. Hier liegt wohl die Schmerzgrenze. Alles, was darüber hinausgeht, tut den Menschen weh. Es würde mich daher nicht wundern, wenn in diesem Fall der eine oder andere eine Abkürzung durchs Dickicht der Steuergesetzgebung nimmt.
A: Und was können wir aus der Bereitschaft der Menschen lernen, im gemeinsamen Interesse kleine Umwege zu akzeptieren?
H: Auch hier zeigt sich an Trampelpfaden etwas sehr Grundsätzliches: Wir Menschen sind dazu fähig, uns anzupassen, Kompromisse zu schliessen und faire Lösungen zu finden.
A: Das widerspricht aber der Theorie der Wirtschaftswissenschaftler, die den Egoismus der Menschen als einzige treibende Kraft bezeichnen.
H: Viele Experimente haben gezeigt, dass die Mehrzahl der Menschen nicht nur auf ihren eigenen Vorteil achten, sondern auch die Interessen der anderen berücksichtigen. Wir haben also eine Neigung zu kooperieren.
A: So gut ist der Mensch?
H: Man muss natürlich differenzieren, aber Menschen sind es gewohnt, gemeinsam etwas zu erschaffen, sogenannte Allgemeingüter. Beispielsweise Straßen und Schulen oder die Sprache, Normen und Kultur, die wir teilen. All das bildet die Basis unserer Gesellschaft.
A: Ist diese Basis nicht ziemlich brüchig? Denken Sie nur an Griechenland.
H: Dort ist offensichtlich die Steuermoral zusammengebrochen, ja; man nennt das in der Wissenschaft die Tragödie der Allgemeingüter. Aber die entscheidende Frage lautet: Wieso bricht unser Sozialsystem nicht ständig zusammen? Wie kommt es zu sozialer Kooperation? Die Antwort: Kooperation entsteht zum Beispiel, wenn wir mit Menschen zu tun haben, denen wir immer wieder begegnen, Freunden, Kollegen – so nach dem Motto: Man sieht sich immer mehrmals im Leben.
A: Aber wie wird aus der Nachbarschaftshilfe so etwas wie Allgemeingüter?
H: Genau so wie aus der Spur eines einzelnen Menschen ein Trampelpfad wird: Es bilden sich Gruppen von kooperativen Menschen, die einander in ihrer Haltung stabilisieren. Ausserdem entstehen in sozialen Netzwerken Reputationseffekte: Besonders kooperative Menschen steigen in der allgemeinen Achtung, nichtkooperatives Verhalten wird sanktioniert.
A: Haben Sie sich während der WM Fußballspiele angesehen?
H: Ja, zum Teil.
A: Was zeichnet gute Mannschaften aus?
H: Dass sie ausgetretene spielerische Pfade meiden; die Spielzüge müssen möglichst wenig vorhersagbar sein. Gute Mannschaften sind dazu in der Lage, adaptiv zu spielen, also anpassungsfähig zu sein und schnell zwischen bestimmten Taktiken hin- und herzuwechseln.
A: Warum haben die Deutschen bei der WM so brillant gegen Argentinien gespielt?
H: Dazu kann ich leider nichts sagen. Ich war auf einer Dienstreise
A: Schade, sonst hätten Sie jetzt die These vertreten können, dass es die große Qualität der Deutschen ist, einen wunderbaren Anti-Trampelpfad-Fußball zu spielen.
H: Ja, das hätte ich. Und zwar nur zu gerne.
Der Physiker und Mathematiker Dirk Helbing, 45, ist seit 2007 an der ETH Zürich Professor für Soziologie, mit den Schwerpunkten Modellierung und Simulation. Zuvor leitete er das Institut für Transport und Wirtschaft an der TU Dresden. Er veröffentlichte mehr als 200 wissenschaftliche Arbeiten und Artikel - über die Entstehung von Trampelpfaden ebenso wie über das Verhalten von Menschenmassen, Katastrophenmanagement bis hin zu Logistikfragen in biologischen Systemen.
Anm.: Eine gekürzte Fassung des Gesprächs ist im Magazin der Süddeutschen vom 13. August 2010 erschienen.
Wir Jungs in China
01.07.2010Es ist ein sehr eigenartiges, erfreulich-phaszinierendes Gefühl, die eigenen Bücher nicht mal entziffern zu können – geschweige denn zu lesen. Mir geht es eben so. Und zwar mit der chinesischen Ausgabe meines beim Münchner Kunstmann Verlag erschienenen »Handbuch für Väter, Söhne und andere Abenteurer«.
Alles, was ich sagen kann, ist: Es sieht sehr schön aus, ist in eine knisternde Folie gewickelt und hat zwei Beilagen, die ich mir für die deutsche Ausgabe auch gewünscht hätte, wenn ich auch nicht zu sagen weiss, wovon sie wirklich handeln.
Der chinesische Verlag heisst »Lightbooks« und wer will, kann sich die Original-Seite unter
diesem Link ansehen. Sollte sich ein Besucher dieser Homepage finden, der des Chinesischen (heisst wohl
Ihr Dr.A.
Joachim Gauck
18.06.2010Ich bin zwar als österreichischer Staatsbürger nur sehr unmittelbar von dieser Frage betroffen und könnte ihn, selbst wenn es möglich wäre, nicht wählen, aber das soll mich nicht davon abhalten, für ihn zu werben (nach 17 Jahren in Deutschland und mit deutscher Frau und zwei österreichisch-deutschen Kindern auch nicht wirklich verwunderlich, finde ich).
Es hat einen einfach Grund, warum mir Joachim Gauck so nahe ist: Er ist seit langem der erste Politiker, der mich als Erwachsener anspricht, dem klare Argumente zumutbar sind. Ob sie mir nun gefallen oder nicht - er mutet sie mir zu. Das ist eine Form des Respekts, den ich bei vielen anderen vermisse. Die reden mit uns Bürgern in einer Form, die uns entweder marginalisiert, infantilisiert oder – ebenso unangenehm – heroisiert ("Ihr sollt mich bitte wieder wählen, also werfe ich mich vor deinen phantasierten Interessen in den Staub").
Daher habe ich auch die Petition in der Sonntagsausgabe der FAZ unterschrieben.
Weihnachten naht ...
27.05.2010... eigentlich überhaupt nicht. Die Titelzeile gibt mir nur die Möglichkeit darauf hinzuweisen, dass gegen Ende des Jahres die Taschenbuchausgabe des »Seelenklempners« bei rororo erscheinen wird.
Melde mich dann nochmals mit den Details.
Wer will, kann sich das Büchlein mit dem markant gekürzten Untertitel schon mal bei amazon.de ansehen.
Gottschalk 60
09.05.2010Anlässlich des 60. Geburtstages von Thomas Gottschalk am 18. Mai habe ich mich im Auftrag des SZ-Magazins mit einigen Grundsatzfragen beschäftigt, die im Zusammenhang mit dem Moderator immer wieder auftauchen. Beispielsweise mit seiner
Frisur
Gesicherte Erkenntnisse, wie es um die Frisur von Thomas Gottschalk steht, verdanken wir einem stornierten Flug: Er habe es, erzählte Gottschalk im Mai 2009, gerade noch geschafft, einen anderen Flieger von Köln nach Hamburg zu bekommen, um rechtzeitig eine Gummibären-Ausstellung in Schleswig eröffnen zu können. Der Preis für sein Improvisationstalent: Sein Koffer sei in Köln zurückgeblieben; daher erscheine er nun mit glatterem Haar. »Der Lockenstab ist ein Opfer der Eile geworden, aber die Frisur wäre dem Wind hier sowieso nicht gewachsen gewesen«, meinte der Moderator. Anschließend posierte er vor einem aus Gummibären gefertigten Porträt, das ihn mit ordnungsgemäß gelocktem Haar zeigte.
Weitere Erkenntnisse lesen Sie bitte direkt auf der Homepage des SZ-Magazins.
Als Bonustrack für Leser dieses kleines Blogs hier der einzige, nicht abgedruckte Beitrag. Beurteilen Sie selbst, ob zurecht - oder nicht,
"Ich mache mich gern zum Deppen"
Die am wenigsten gewürdigte Eigenschaft des Thomas Gottschalk ist meines Erachtens seine menschfreundliche Haltung. Er ist die Antithese zu jenen moderierenden Zynikern, die noch über die existentiellsten Beschädigungen bzw. Kläglichkeiten der Menschen Witze reissen. Das ist Gottschalk umso höher anzurechnen, da er weiss, was er tut. Und was er nicht tut: „Ich unterhalte nicht Zielgruppen, sondern Menschen. Ob die 7 oder 70 sind, intellektuell oder grenzdebil - in meinem Herzen hat jeder einen Platz. Und ich versuche, für jeden den richtigen Ton zu finden. Ich nenne das Familienfernsehen.“ (Spiegel, 20.10.2008) Für seine Witze bedient er sich lieber eines Menschen, über den er verfügt: „Ich mach mich gern zum Deppen, wenn es der Unterhaltung dient. Aber wichtig ist doch, dass ich niemand anderen zum Deppen mache. Ich weiß, was ich tue, kann damit leben und werde ordentlich dafür bezahlt.“ (ebenda).
Wer nach den Gründen für diese Haltung sucht, wird schnell bei der katholischen Prägung des Thomas Gottschalk landen: Er war Ministrant, arbeitete in der Jugendbetreuung der Kirche, studierte mit Hilfe eines Stipendiums der Deutschen Bischofskonferenz Germanistik und Geschichte für das Grund- und Hauptschullehramt, und ist Mitglied der katholischen Studentenverbindung Tuiskonia in München. Dass ihn die Frage der Religion bis heute ernsthaft beschäftigt, konnte man erst Anfang dieses Jahres miterleben, als er mit Hans Küng bei Reinhold Beckmann über Gott und die Welt sprach. Mit vielen offiziellen Positionen der Kirche kann er nichts anfangen, sie sei lebensfern, aber obwohl er der Institution kritisch gegenüber stehe, hänge er „noch dem katholischen Glauben nach“.
Doch es wäre nicht Gottschalk, hätte er nicht eine abschliessende Pointe parat: So beschwerte er sich vor drei Jahren in seiner Bunte-Kolumne über Reformen der Kirche: „Spätestens seit meiner Pubertät war mir klar, dass der direkte Weg ins Himmelreich für mich nicht nur beschwerlich, sondern auch schwierig werden würde, weil mir bereits in dieser Phase bewusst wurde, dass weder Schamhaftigkeit noch Keuschheit zu meinen Kardinaltugenden zählten. (...) Ich musste also eventuelle Umleitungen planen und die Kirche bot mir in ihrer unendlichen Güte eine akzeptable Alternative zur ewigen Verdammnis: das Fegefeuer. Und jetzt stellt mir der Vatikan mit der Abschaffung des Fegefeuers sozusagen die Heizung ab. Und das gerade in meinem Alter, wo man es schon gern etwas wärmer hat.“
Komplexitätsbomben
16.03.2010Die kommende Ausgabe des Schweizer Wissensmagazins für Wirtschaft, Gesellschaft und Handel, »GDI Impuls«, beschäftigt sich mit dem spannenden Thema »Freeconomy«. Unterzeile: »Die Gratis-Mentalität hat gesiegt. Höchste Zeit, daraus ein gutes Business zu machen.« Als Chefredaktor wird es von Detlef Gürtler betreut.
Weiter hinten im Magazin, wo es um Ideen (Abt. Zwischenruf) geht, durfte ich ein wenig über das Durchwursteln nachdenken – und zwar im Hinblick auf Wirtschaft und Handel. Titel: »Wider das Gesamtkonzept!«, Vorspann: »Jeder Versuch, Komplexität und Schicksal mit einem wasserdichten Plan zu überlisten, kann nur scheitern. Die praktikable Alternative dazu heisst: durchwursteln.«
Ich hoffe, das ist einigermassen gelungen. Wer das nachprüfen will, kann sich einfach ein PDF des Artikels herunterladen.
Darin findet sich auch das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe – inklusive eines Aboscheins. Den will ich Ihnen durchaus ans Herz legen, denn das »GDI Impuls« ist eine in jeder Hinsicht gewinnbringende Lektüre.
Ende der Werbeeinschaltung.
»Hat Müll einen Charakter?«
05.03.2010In der heutigen Ausgabe des SZ-Magazins (5. März 2010) ist ein Gespräch erschienen, das ich mit Prof. Bernd Bilitewski geführt habe. Er ist Wirtschaftsingenieur, leitet das Institut für Abfallwirtschaft an der TU Dresden und ist vielfach ausgezeichneter, allseits geschätzter Spezialist seines Fachs. Mitherausgeber des Standardwerks “Müll-Handbuch”. International gefragter Lehrender und Sachverständiger.
Da das Interview aus Platzgründen gekürzt werden musste – hier der director's cut davon – in der ganzen Länge.
In einer Fussnote gehe ich kurz auf die Hintergründe des Gesprächs ein.
Ankowitsch: Herr Professor Bilitewski. Sie beschäftigen sich seit über dreißig Jahren mit unseren Abfällen. Ist Müll einfach Müll? Oder hat er einen Charakter?
Bilitewski: Ja, das hat er. Wenn ich in eine Tonne schaue, kann ich die Lebensumstände der jeweiligen Menschen erkennen.
A: An welchen Details denn?
B: An der Menge der Verpackungen zum Beispiel. Daran erkennen Sie, wie vermögend die Leute sind. Wohlhabendere kaufen viel mehr frische Sachen ein und produzieren daher weniger Verpackungsabfall. Gibt es mehr davon, kann man auf ärmere Leute schließen, auf Studenten, Alleinlebende oder solche, in deren Küche Chaos herrscht.
A: Können Sie auch sagen, ob der Müll von Frauen oder Männern stammt?
B: Kaum – wenn Sie mal von einschlägigen Hygieneartikeln absehen.
A: Was erzählt Ihnen unser Müll sonst noch?
B: Dass wir in einer immer stärker vom Alter geprägten Gesellschaft leben. Wir sehen häufiger Inkontinenz-Windeln; die tauchten früher kaum auf. Alles, was wir kannten, waren Babywindeln.
A: Woraus besteht typisch deutscher Hausmüll?
B: Im wesentlichen aus Papier, Bioabfall, Verpackungen und ein wenig Sperrmüll.
A: Ist irgendetwas außergewöhnlich am deutschen Müll?
B: Dass er gutes Mittelmass ist. Die Deutschen produzieren quantitativ gesehen relativ wenig Abfall.
A: Von welchen Mengen sprechen wir?
B: Von rund 400 Kilo Haushaltsabfall pro Bürger im Jahr. Dazu kommen rund 33 Kilo Sperrmüll.
A: Die Tendenz ist wohl steigend.
B: Keinesfalls. Es ist spannend zu beobachten, wie man sich in den 1980ern wegen steigender Müllmengen den Kopf zerbrochen hat – um dann festzustellen, dass die Deutschen die Idee des Recycling weitgehend angenommen haben. Ganz im Gegensatz zu den Griechen, die gegen unzählige EU-Auflagen verstoßen und jedes Jahr Millionen Euro an Strafen zahlen.
A: Sie sprechen von “Abfall”, ich von “Müll” – wie lautet nun der korrekte Begriff?
B: Wir haben beschlossen, Müll nicht mehr so zu nennen – sondern Abfall. Das ist die wissenschaftliche Bezeichnung. In anderen Sprachen läuft das genauso.
A: Wie nennt Ihr britischer Kollege ihn?
B: Waste, während die Leute “rubbish” sagen.
A: Wie definieren Sie überhaupt Abfall?
B: Der Begriff “Abfall” hat einen Doppelcharakter: Zum einen verstehen wir all jene Dinge darunter, die der Gesetzgeber als gefährlichen Abfall definiert hat; das betrifft vor allem Betriebe. Und zum anderen alle Dinge, die der Bürger los werden will.
A: Das heißt: Müll ist, was ich weggebe.
B: Richtig. Sobald Sie es loswerden wollen, verwandelt es sich in Abfall.
A: Was ist mit dem alten Fernsehgerät, das seit Wochen bei uns auf der Strasse herumsteht?
B: Das ist eine “wilde Ablagerung”, also eine verbotene Form der Deponierung.
A: Und? Gehört der Fernsehapparat immer noch dem Ex-Besitzer?
B: Er bleibt zumindest für das Ding verantwortlich, weil er verpflichtet ist, es in die entsprechenden Sammelsysteme zu geben. Jeder Bürger ist ja zwangsweise an diese Systeme angeschlossen.
A: Ich kann also nicht hingehen und erklären: Da brauche ich mich nicht anschließen, weil ich keinen Müll mache.
B: Jeder Mensch produziert Abfall. Wer lebt hinterlässt immer ein paar Stoffe, die nicht mehr verwertbar sind. Selbst wenn Sie die Knochen vom Mittagessen Ihrem Hund geben sollten, werden die nicht vollständig verdaut; es bleibt ein Rest.
A: Und was ist mit diesem Rest – gilt der als Abfall?
B: Im Prinzip, ja. Aber für ihn gibt es eine eigene Verordnung. Nur für den Fall, dass Sie es nicht wissen: Sie sind dazu verpflichtet, ihn einzusammeln.
A: Wenn mein Hund also auf die Straße kackt, ist das eine "wilde Ablagerung".
B: Salopp gesagt, ja.
A: Wir kennen Kleider-Moden und Krankheits-Moden; gibt es auch so etwas wie Abfall-Moden?
B: Vor rund hundert Jahren sah unser Müll vollkommen anders aus. Er bestand überwiegend aus Asche, Bauschutt und Bioabfällen; die Asche wurde durch das Heizen mit Kohle verursacht. So gesehen gibt es Müllmoden.
A: Was wird denn heute als Abfall behandelt, dem man früher mehr Wert beigemessen hat?
B: Papier. Das wurde früher viel konsequenter gesammelt. Aber da muss man unterscheiden: Die Sammelquote bei den grafischen Papieren, also den Zeitungen, Zeitschriften etc. liegt bei über 80 Prozent, was sehr gut ist; bei den Papierverpackung bei nur 60 Prozent.
A: Klingt ein wenig unlogisch. Wie lässt sich das erklären?
B: Zum einen wird Zeitungspapier als wertvoll betrachtet; zum anderen sehen Papierstapel im Wohnzimmer ganz ok aus – gestapelte Kartons hingegen nicht. Das führt dazu, dass die Menschen die Kartons nicht sammeln, sondern gleich wegschmeissen. Das heisst: Es spielt bei der Mülltrennung eine Rolle, ob der Abfall zur Wohnung passt oder nicht.
A: Jetzt mal unter dem Recycling-Aspekt betrachtet: Wie gut sind folgende Zeitungen: BILD, SZ, FAZ?
B: Das hängt vom jeweiligen Druckverfahren ab. Beim Offset werden Farben verwendet, die ausgesprochen schlecht ablösen lassen; diese Zeitungen sind nur schlecht wiederzuverwerten.
A: Wie lautet Ihr Urteil?
B: SZ und FAZ sind gut, weil sie anders drucken; von der Bild weiss ich es nicht.
A: Abfall ist ja ein Synonym für wertloses Zeug. Welchen Müll würden Sie als besonders wertvoll bezeichnen?
B: Alte Leiterplatten von Computern. Da bringt die Tonne im Moment 4 bis 5000 Euro.
A: Was ist so wertvoll daran?
B: Die Platinen enthalten beinahe das ganze Periodensystem an Metallen: Gold, Silber, Kupfer, Palladium und so fort.
A: Und welcher Müll verdient den Begriff vorbehaltlos?
B: Chemische Stoffe wie Laugen, Säuren, Lösungsmittel. Damit können Sie wirklich nichts mehr anfangen; sie können das Zeug bloss beseitigen.
A: Wenn es wertvollen Müll gibt, dann vielleicht auch solchen, den wir als “intelligent” bezeichnen könnten?
B: Zweifellos. Aber wir werden noch ein wenig auf ihn warten müssen. Man forscht seit vielen Jahren in die Richtung. Idealerweise sagt uns in Zukunft ein Produkt, woraus es besteht und wie es am besten zerlegt und recyclet werden soll.
A: Und wie kann man den Produkten das Sprechen beibringen?
B: Mit der Transpondertechnik. Dazu brauchen Sie einen Chip, wie Sie ihn von Ihrer Geldkarte kennen. Jedes Produkt bekommt einen, der sagt dann dem Roboter: Ich bin ein Tetrapack, habe innen braunes Papier, das nur so und so verwertet werden kann; Autos erzählen, aus welchen Komponenten sie bestehen usf.
A: Produkte geben also Anweisungen, wie wir sie wieder zum Verschwinden bringen können?
B: Ja, ich hoffe möglichst bald. Bei der Entsorgung wird die Technik schon heute genutzt. Dresden war die erste deutsche Großstadt, in der alle Abfalltonnen so einen Chip bekamen. Da fährt das Müllauto ran und bekommt von der Tonne erzählt: “Ich gehöre Familie Bilitewski, fasse 140 Liter und stehe in der Müllerstrasse.”
A: Sagt die Tonne auch gleich, was sie enthält?
B: Leider nein. Aber diese Chips hatten auch so schon eine enorm positive Auswirkung. Jetzt kann man viel effektivere Routen planen. Städte stellen uns ja vor grosse logistische Probleme: Sackgassen, Einbahnstraßen, Hochhäuser, Villen ... eine hochkomplexe Sache.
A: Von welchen Produkte würden Sie sagen, dass sie bereits im Moment ihrer Herstellung Müll sind?
B: Das kann man nur individuell entscheiden.
A: Könnten Sie bitte kurz mal individuell entscheiden?
B: Na gut. Ich würde sagen: Spaßdinger, die man einmal benutzt und dann wegschmeißt. Glückwunsch-Postkarten zum Beispiel, die eine Melodie dudeln; sie enthalten Batterien. Sowas ist ausgesprochener Problemabfall. Auch manche Verpackungen halte ich für absolut überflüssig – wobei Verpackungen ja per se nichts Schlechtes sind.
A: Weil sie hübsch anzusehen sind?
B: Das vielleicht auch. Vor allem aber weil sie die Gefahr verhindern, dass Krankheitskeime übertragen werden. Und sie erhöhen die Lagerfähigkeit; denken Sie nur an die vielen Lebensmitteln, die weggeworfen werden.
A: Durchaus verständlich, wenn sie verdorben sind.
B: Ja, aber es landen nicht nur solche im Abfall. Die Leute haben oft einfach keine Lust mehr auf ein bestimmtes Essen und entsorgen es. Ohne es überhaupt geöffnet zu haben. Tendenz steigend. Je reicher, desto öfter werfen Menschen Lebensmittel weg.
A: Ein Begriff, der seit langem durch die Medien geistert, lautet “Mülltourismus”. Wo verlaufen denn die Hauptrouten?
B: Den Begriff “Mülltourismus” verwenden wir Wissenschaftler nicht. Er klingt so, als würde der Müll mal Urlaub machen und dann wieder zurück kommen. Das tut er aber nicht. Abfall wird gesammelt und exportiert – vorwiegend Metalle, Papier, Kunststoffe und Elektronikschrott, also Sekundärrohstoffe.
A: Wer ist der Hauptabnehmer deutschen Mülls?
B: China.
A: Wie wird er transportiert?
B: Meistens mit dem Schiff. Vieles geht über Hongkong, weil China mittlerweile sehr strenge Einfuhrbedingungen für diese Rohstoffe eingeführt hat. Hongkong hingegen ist offen; dort nimmt man alles.
A: Über welchen deutschen Hafen verlässt der meiste Abfall Deutschland?
B: Das ist sehr schwer zu sagen. Wir haben zum Beispiel herauszufinden versucht, wo und wie Elektronikschrott das Land verlässt. Und haben festgestellt, dass er das nie tut – und dennoch verschwindet.
A: Klingt nach Zauberei.
B: Das funktioniert so: Die alten Computer werden gesammelt und in Container gepackt; vorne werden ein paar hineingestellt, die noch funktionieren. Dann wird das ganze als soziale Massnahme für arme indische Kinder in Bangalore deklariert. Und schon ist der Abfall weg. Bei den tausenden von Containern, die täglich Deutschland verlassen, können sie das nicht kontrollieren.
A: Aber man weiss doch darum!
B: Daher hat man zum Beispiel in Hamburg auch eine Task-Force gebildet, um das abzustellen. Aber es gestaltet sich sehr schwierig. Es geht dabei um viel Geld, das die Organisatoren des Exports einstecken. Wenn es in einem europäischen Hafen zu schwer wird, weichen die Leute auf andere aus; die sind da sehr geschickt.
A: Was geschieht mit dem Zeug?
B: Die Computer werden auf irgendwelchen Hinterhöfen zerlegt und aufgearbeitet, jenseits aller europäischer Standards natürlich.
A: Wohin werden die Container transportiert?
B: Nach Nigeria zum Beispiel. Dort landet viel von diesem Müll.
A: Wird denn deutscher Müll innerhalb von Europa spazieren gefahren?
B: In der Regel nicht. Es ist vielmehr umgekehrt: Wir bekommen Abfälle herein, zum Beispiel aus Italien. Deutschland importiert deutlich mehr Abfälle als es exportiert.
A: Den wertvollen? Oder den echten?
B: Meist letzteren. Wir sind ja in Deutschland in Sachen Verbrennung von Sonderabfall erstklassig ausgestattet. Die entsprechenden Anlagen stehen oft direkt am Wasser, etwa in Brunsbüttel; da kann man direkt mit dem Schiff ranfahren.
A: Von wem kommt dieser Abfall?
B: Aus Albanien oder Serbien zum Beispiel. Als für die beiden Länder ein europäischer Hilfsfonds gegründet wurde, wollte man verhindern, dass sie ihren Sonderabfall, weil sie ihn nicht professionell entsorgen konnten, einfach in Flüsse oder ins Meer kippen.
A: Als eine Art Entwicklungshilfe.
B: Richtig. Leider ist die deutsche Bevölkerung darüber wenig begeistert. Schon wieder Giftmüll, heisst es. Ich finde diesen Import aber gut. Wir handeln moralisch richtig und haben das technische Knowhow, um ihn sachgerecht zu entsorgen. Was will man mehr?
A: Warum schicken die Italiener ihren Müll nach Deutschland?
B: Daran ist die Mafia schuld. Als vor zwei Jahren Neapel im Müll erstickt ist, haben wir Italien dabei unterstützt, das irgendwie in den Griff zu bekommen. Viel haben wir aber nicht helfen können – Sie müssen sich mal Satellitenbilder der Region ansehen: Die Mafia hat dort den Müll in Form riesiger Ballenlager entsorgt.
A: “Ballenlager” klingt erst mal ganz freundlich.
B: Mag sein, aber diese Ballen bestehen aus zusammengepresstem und mit PVC-Folie umwickeltem Müll, von dem keiner weiss, woraus er besteht; den hat man zu gigantischen Türmen gestapelt. Illegal.
A: Gibt es diese Lager heute noch?
B: Leider. Die müssen erst langsam wieder abgebaut werden – und es gibt in der Region nur eine kleine Müllverbrennungsanlage.
A: Ist denn die Entsorgung von Müll ein derart lohnendes Geschäft?
B: Zweifellos. Die Mafia hat in den vergangenen Jahren wahrscheinlich mehr Geld mit Müll verdient als mit dem Handel von Narkotika. Dazu hat sie Entsorgungsfirmen gegründet, Sonder- und Hausmüll eingesammelt, nach Süditalien transportiert und bei Bauern abgekippt, die dafür ein bisschen Geld bekommen haben. Nun gibt es viele Ecken und Täler, wo plötzlich Abfall aufgetaucht ist.
A: Welche Art von Abfall denn?
B: Meistens Chemikalien, wassergefährdende Stoffe, lösliches Zeug, Schlamm. Einen anderen Teil hat die Mafia auf Schiffe geladen und im Mittelmeer versenkt. Bislang wurden erst drei oder vier dieser Schiffe gefunden; ich fürchte, es liegen weit mehr herum, als wir ahnen.
A: Was missbrauchen wir intensiver als Mülldeponie? Die Erde? Oder die Ozeane?
B: Das ist schwer zu beantworten. Die Meere sind jedenfalls seit vielen Jahren als billige Deponie benutzt wurde. Es gibt nichts, was man nicht hineingeworfen hätte, bis hin zum Nuklearmüll. Japan und China haben sogar Deponien ins Meer hinein gebaut; damit war für diese Länder das Problem gelöst.
A: Welche Methode ist folgenschwerer?
B: Ihn ins Meer zu werfen. Das ist erst mal billig. Wir zahlen aber langfristig einen hohen Preis dafür. Die Erde wird durch unsachgemässe Deponien zwar auch verschmutzt – aber immer nur partiell. Die Meere hingegen leiden flächendeckend unter der Belastung. Alles, was sie ins Meer leiten, verteilt sich früher oder später weltweit. So finden sie in den Ozeanen alle Medikamente, die die Menschen jemals eingenommen haben – in extremer Verdünnung. Aber sie finden sie.
A: Im Pazifik treibt angeblich ein Müllteppich, ein durch die Strömung entstandener gigantischer Wirbel aus Plastikabfällen. Was hat es damit auf sich?
B: Den halte ich für einen gewissen Mythos. Aber Sie haben natürlich recht: Im Meer treiben riesige Mengen an Plastikmüll. Ich war schon auf einigen einsamen Inseln – und überall finden Sie Abfall am Strand, an der Sturmlinie. Es gibt also keinen noch so abgelegenen Ort mehr, an dem Sie nicht unsere Spuren finden.
A: Was sagen Sie aus der Perspektive das Fachmanns zu eBay?
B: Für mich ist das ein Abfallvermeidungs-Unternehmen. Rein wissenschaftlich gesehen sorgt eBay – genauso wie der Altwarenhandel – dafür, dass Dinge länger verwendet werden. Wenn jemand eine Tasse, anstatt sie wegzuwerfen, bei eBay anbietet und jemand kauft sie für 10 Cent, dann wird dadurch verhindert, dass sie weggeworfen wird. Das ist doch gut.
A: Fällt die Abwrackprämie in Ihre Kompetenz? Oder soll ich da lieber mit einem Theaterwissenschaftler sprechen?
B: Ach, die Abwrackprämie! Eine unsinnige Sache, wenn Sie mich fragen. Sie hat einen funktionierenden Kreislauf mutwillig durcheinander gebracht. Normalerweise geht ein altes Auto zum Händler. Der verkauft entweder das ganze Auto oder er sucht sich jene Teile raus, die er benutzen darf bzw. kann, um sie anschliessend zu vermarkten. Der Rest wird verschrottet. Die Abwrackprämie erlaubt aber bloss die pure Verschrottung, was den Kreislauf abgekürzt hat.
A: Und warum ist das nicht gut?
B: Weil eine ganze Reihe von Rohstoffen plötzlich fehlt. Sie dürfen nicht vergessen, dass zum Beispiel die deutsche Papierindustrie ohne Altpapier gar nicht mehr existieren könnte. Wer in diese Verwertungsketten eingreift, schädigt eine ganze Industrie.
A: Zählen tote Menschen eigentlich als Abfall?
B: Nein. Der Begriff verbietet sich in diesem Zusammenhang. Aber es ist etwas dran an der Frage: Unter den Römern galten Sklaven als Dinge; daher wurden sie, waren sie gestorben, auf die große Deponie in der Nähe von Rom geschmissen.
A: Und was ist mit amputierten Gliedmaßen?
B: Die gelten tatsächlich als Abfall, und zwar als “nicht ästhetischer” – und wandern in den Krankenhausmüll. Sie werden in Behälter getan, eingepackt, versiegelt und anschliessend verbrannt.
A: Das hat etwas von einer kleinen Bestattung.
B: Im Prinzip könnte man das so nennen. Aber das Procedere hat auch hygienische Gründe: Abgetrennte Körperteile sind ja oft infektiös. Daher sind Krankenhausabfälle auch ein Riesenproblem, wenn sie einfach so auf die Deponie geworfen werden.
A: Wo geschieht das denn?
B: In fast allen Ländern der dritten Welt. Also in Afrika, in Asien, in Südamerika. Diese Abfälle sind für die Menschen, die auf den Deponien leben, ein großes Problem. Sie verdienen sich ihr Geld ja mit den Wertstoffen, die sie aus dem Müll holen.
A: Ändert sich das Bewusstsein nicht langsam?
B: Ja, immer mehr Regierungen begreifen, dass diese Sorglosigkeit sehr gefährlich ist. Ich war eben in Brasilien. Dort haben sie das Areal mit dem Krankhausabfall eingezäunt und mit Warnschildern versehen. Damit sollen die “Scavengers” gewarnt werden, so nennt man die Müllmenschen.
A: Rein ökonomisch gesehen betreiben diese Leute eine archaische Form der Mülltrennung.
B: Die machen das richtig gut! Sie leben ja davon – und gefährden dabei massiv ihre Gesundheit. Sie holen das Altpapier aus den frischen Müll-Ladungen, den Kunststoff, die Metalle; zerkleinern die entsprechenden Dinge und packen sie in Ballen. Viele arbeiten in kleinen Kooperativen zusammen. Ich habe sogar gesehen, wie sie in Indien aus den keramischen Stromsicherungen diese kleinen Metallklammern rausholen.
A: Was geschieht mit all diesen Dingen?
B: Die werden auf dem Rohstoff-Markt an die Industrie verkauft.
A: Das heisst: Die Müllmenschen sind ein wesentlicher Faktor in der Recyclingindustrie.
B: Sie halten den Rohstoffmarkt am Leben, richtig. Sie kommen auf Recyclingquoten von 70 bis 90 Prozent. Oft können ganze Familien davon überleben – manchmal sogar richtig gut.
A: Wovon hängt das ab?
B: Sie werden lachen: Von der Lage am Weltmarkt. Wenn der Kupferpreis fällt, schrumpft ihr Einkommen, wenn der Ölpreis anzieht, steigen auch die Preise für Plastikabfälle. Aber diese Form des Recycling ist auch für uns nicht ganz ungefährlich. Es werden Plastikabfälle in den Kreislauf eingespeist, die da nicht hingehören. Vor eineinhalb Jahren sind in Vietnam fast siebzig Prozent von Kunststoffabfällen, die eigentlich zum Sondermüll gehörten, nie dort angekommen – sondern wieder verwertet worden. Da waren Pestizide oder Lösungsmitteln drinnen.
A: Kann man diesen Teil nicht einfach herausfiltern?
B: Unmöglich. Das belastete Plastik wird ja zerkleinert und mit dem unbedenklichen vermischt. Wir müssen uns klarmachen, dass durch den globalen Kreislauf nichts mehr vor Ort bleibt. Die anderen bekommen unser Zeug und wir ihres. Ob das nun Produkte sind oder Recyclingmaterial.
A: Wir produzieren also Schadstoffe ...
B: ... und bekommen sie auf Umwegen wieder zurück. Recycling ist eigentlich etwas Positives, aber wir schaffen auch einen Kreislauf von Schadstoffen. Nehmen Sie nur die Kassenzetteln, die Sie in vielen Supermärkten bekommen: Die sind beschichtet, damit sie sich bedrucken lassen. Diese Schicht enthält unter anderem Bisphenol A. Das ist eine hormonell wirksame Substanz, von der in Deutschland im Jahr 320 000 Tonnen hergestellt werden.
A: Und wie entsteht nun unser Problem?
B: So lange dieses Papier in einem geschlossenen Recycling-Kreislauf bleibt, ist alles ok. Aber auch in Deutschland verlässt es ihn bisweilen – und wird zu Toilettenpapier oder Taschentüchern verarbeitet. Über diesen Weg gelangt das Bisphenol A ins Abwasser und dann irgendwann ins Grundwasser, in Seen und Flüsse.
A: Das heisst, wir trinken irgendwann unseren Kassenzettel?
B: Verkürzt gesagt, ja. Stoffe wie Bisphenol A sind, wie gesagt, endokrin, also hormonähnlich und verändern das Hormonsystem aller Lebewesen. Angefangen das von Fischen bis hin zu unserem.
A: Reagieren Menschen eigentlich gut oder schlecht auf Müll, wenn sie ihn essen?
B: Wir sind relativ stabil. Aber es gibt viele ernst zu nehmende Theorien, die besagen, dass diese Substanzen Brustkrebs fördern, die Samenproduktion der Männer reduzieren und so fort. Aber bisher gibt es keine direkten Nachweise.
A: Können Sie eigentlich durch die Welt reisen, ohne ununterbrochen Ihre Nase in fremden Abfall zu stecken?
B: Mein Frau sagt mittlerweile, sie würde jeden Absolventen meines Studienfachs überflügeln, weil sie gemeinsam mit mir so viele Deponien, Müllverbrennungs- und Sortieranlagen besichtigt hat.
A: Ihre Frau muss Sie und Ihren Job sehr lieben.
B: Das meine ich auch. Sie können es auch daran erkennen, dass sie diesen Sommer mit mir in Irkutsk war. Dort haben wir natürlich eine Deponie und einen Recyclinghof besucht.
A: Sie müssen in Ihrer Kindheit Müllmänner bewundert haben.
B: Nein, nicht direkt. Ich fand spannend, dass ich mit Abfall Geld verdienen konnte. Ich habe als Junge Papier und Glasflaschen gesammelt und verkauft. Mit den Gewinnen konnte ich jenen Teil meines Süßigkeitsbedarfs decken, für den das Taschengeld nicht reichte.
A: Sie sind wahrscheinlich ein Sammler, oder?
B: Das ist nicht schwer zu erraten, wenn Sie meinen Schreibtisch ansehen. Aber es betrifft vorwiegend Papiere und Unterlagen. Ich denke immer, dass ich sie noch mal durcharbeiten könnte.
A: Haben Sie im Laufe ihres Lebens eine kleine Philosophie des Abfalls entwickelt?
B: Nein. Es gibt zwar so Sätze wie "Abfall ist Rohstoff am falschen Ort" oder Begriffe wie "Urban Gold". Aber all das hat mir nie viel gebracht. Ich bin ein praktischer Ingenieur. Es interessieren mich Detailprobleme und wie man sie lösen könnte.
Fussnote: Nach den meisten meiner Interviews hatte ich das Gefühl, das besprochene Thema einigermassen erschöpfend behandelt zu haben. Bei diesem nicht. Je länger es dauerte, umso mehr wurde mir klar, dass es nur ein paar Hinweise liefern würde, um welch spannendes, vielschichtiges und, ja, deprimierendes Thema es sich handelt. Ich bemerkte das nicht gleich, denn der Professor ist einer dieser Leute, die keine Lust haben, ihr Gegenüber durch ein paar lässig verteilte Weltuntergangsadjektive zu beeindrucken. Er ist Techniker. Und die sind wie Chirurgen. Selbst in den Momenten, da ihnen der Patient zu sterben droht, bleiben sie sachlich. Nicht aus mangelndem Einfühlungsvermögen, sondern weil sie wissen, dass nur diese Haltung ihrem Patienten, ihrem Forschungsgegenstand dient. Genauso sieht auch das Ambiente aus, in dem der Professor lehrt. Das Institut für Abfallwirtschaft gleicht einer abgewrakten Fabrikhalle, sein Büro jenem eines Poliers am Bau. Jedes Detail sagt: Wir beschäftigen uns hier mit Existentiellem. Es kann also nicht mein letzter Text zu diesem Thema gewesen sein.
Erfreuliches
04.02.2010Rezensionen wie die folgende sind eher selten, denn sie ist nicht nur sehr freundlich und liebevoll, sondern auch noch selber ausgedacht und aufgeschrieben. Man sollte nicht glauben, wie viele vermeintlichen Rezensionen im wesentlichen aus einer verkürzten Waschzettel-Version bestehen.
Obwohl: Wir Autoren sollten uns nicht zu sehr darüber beschweren, denn die Waschzettel sind pure Werbung für den Autor, weil vom Verlag geschrieben. Erfahrene Autoren behalten es sich vor, diese Zettel selber zu schreiben, weil sie damit eine relativ große Chance haben, ihre eigenen Besprechungen massgeblich mitzubestimmen.Dass die Waschzettel weitergetragen werden, muss daher nicht zum Nachteil des jeweiligen Buches sein. Man wünscht sich als Autor nur, dass die Journalisten (zu denen man halb auch gehört) sich ein wenig mehr Mühe machen.
Nun denn: Hier jedenfalls die bloss durch "admin" gezeichnete Rezension des Seelenklempners auf kulturbuchtipps.de. Sie beginnt mit den Sätzen: "Gäbe es diesen „Dr. Ankowitsch“ nicht, dann müsste man ihn erfinden. Da es ihn aber gibt und er obendrein auch noch solche Bücher wie das vorliegende verfasst, ist dem glücklichen Lauf der Welt eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen."
Pflichtlektüre
24.11.2009Von einem Magazin namens »Pflichtlektüre« interviewt zu werden, macht doppelt Spass. Zum einen, weil Linus Petrusch, der Mitarbeiter, gut vorbereitet war und treffende Fragen stellte. Und zum anderen, weil das Magazin heisst, wie es heisst, was wiederum auf die Inhalte abfärbt. Finde ich zumindest.
Nachzulesen ist das Interview auf der Homepage der Pflichtlektüre-Verleger. Leider kam in diesem Zusammenhang heraus, wie viele Semster ich studiert habe – aber kein Interview ohne Informations-Kollateralschaden.
Und wenn ich unter den Studierenden der Universitäten von Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen (wo die »Pfichtlektüre« erscheint) für ein wenig Entspannung sorgen konnte, soll mir das recht sein.
Tröstliche Lektüre
14.11.2009Eine kleine, freundliche Rezension des »Seelenklempners« hat Martina Bittermann auf der Homepage von NDR Info veröffentlicht. Darin meint sie, ich habe ein »schönes Buch für alle Lebenslagen« verfasst, aber so ganz recht kann ich ihr es nicht machen, denn gleich kommt die Einschränkung: »obwohl auf den rund 300 Seiten nicht wirklich etwas Neues und Aufrüttelndes steht«.
Nun, darüber lässt sich natürlich streiten. Aber weil es im Abspann dann wiederum heisst: »Trotzdem - wer warmherzigen Trost braucht, ist mit diesem kleinen Handbuch bestens bedient« ist auch alles wieder gut.
»Das Gute ist besser als das Beste.« 2raumwohnung
Vom Durchwursteln
Nur noch kurze Zeit ...
... soll es nach dem Willen des Eichborn Verlags mein "Illustriertes Hausbuch" geben.
Der Verlag wird es nämlich aus seinem Sortiment nehmen … mehr
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