Inglourious Basterds

17.11.2010

Ein paar Gedanken über das Schreiben und Publizieren in Zeiten des Internet ? angestellt von einem Autor mit mehreren Berufsbezeichnungen anlässlich der Eröffnung der Buch Wien am 17. November 2010

Es war vor ein paar Monaten in Berlin. Ein privates Abendessen mit einer alten Freundin. Originell, wie wir Journalisten sind, redeten wir über andere Journalisten: Wer wohin gegangen sei, wer wo hinaus geflogen ? bis schließlich die Freundin einen tiefen Seufzer tat und meinte: ?Es kränkt mich wirklich, wie unser Beruf auf den Hund gekommen ist.?

Wäre ich Mathias Döpfner, dann würde ich meine Rede an dieser Stelle beenden. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG ist nämlich der Ansicht, unter Journalisten gebe es einen ?genetisch bedingten Drang zum Masochismus?; der bringe Menschen wie uns dazu, die eigene Branche schlecht zu machen.

Aber ich bin kein Freund von Argumenten, die sich auf die genetische Disposition von Menschen stützen. Man läuft Gefahr, sich damit ? trotz stichhaltiger Argumente in anderen Zusammenhängen ? schnell selbst abzuschaffen. Und darauf habe ich keine Lust.

Da gehe ich lieber der Frage nach, warum mich der Seufzer der Freundin so beeindruckt hat, denn das hat er ganz zweifellos. Und zwar so stark, dass mir die erste Fassung dieser Rede ziemlich pessimistisch geriet, was mir wiederum bewusst machte, in welche Lage wir Journalisten und Autoren uns manövriert haben. Und dass es höchste Zeit ist, uns wieder hinaus zu manövrieren.

Doch bevor es darum gehen soll, will ich kurz ins Tal der Seufzer hinabsteigen, damit Sie, lieb Zuhörer, wissen, wovon ich spreche. Ich versuche, es möglichst kurz zu machen.

Warum also könnte meine Freundin plausible Gründe haben, so bemerkenswert zu seufzen?

Weil sie zum Beispiel die aktuelle Studie der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung gelesen hat. Die trägt als Titel eine harte These, die nur durch das Fragezeichen ein wenig gemildert wird. Sie lautet: ?Das Verschwinden der Zeitung?? Im ersten Kapitel heißt es dann ganz lapidar: ?Die Vertriebsform der klassischen Zeitung auf Papier ist überholt?.

Wer davon nicht genug hat, kann sich seine Dosis Untergangsstimmung auch an anderer Stelle besorgen. In Studien, in Fachdiensten, in Blogs. Überall die selben Analysen: Die Auflage der meisten Zeitungen sinke, der Verkauf von Print-Anzeigen gehe zurück, die Kleinanzeigen wanderten ins Internet ab. Mit einem Wort: Den Zeitungs-Verlegern zerbrösle ihr klassisches Geschäftsmodell, denn es seien vor allem die Anzeigen-Erlöse, die für die Rendite sorgten ? und weniger die Einkünfte aus dem Verkauf der Zeitungen.

Wir können diese Entwicklung beklagen ? allein: Sie offenbart auch einen folgenschweren Konstruktionsfehler des Zeitungs-Business-Modells, der sich jetzt rächt: Die Leser haben nämlich für eine Zeitungs-Ausgabe nie deren realen Preis bezahlt, sondern immer viel zu wenig. Wirklich finanziert wurden unsere Qualitätsmedien vielmehr durch Seifenhersteller, Autoproduzenten und ? in Österreich ? durch die staatliche Presseförderung.

Ein fataler Mechanismus, denn so haben die Leser gelernt, dass jene wertvollen Dinge, die sie mitunter in diesen Zeitungen fanden, für wenig Geld zu haben sind.

Es waren also paradoxerweise die Zeitungs-Verleger, die heute die Entwertung journalistischer Inhalte beklagen, die ihr Kostbarstes immer schon unter Wert verkauft haben. Und wir Journalisten haben jahrzehntelang so getan, als wüssten wir das nicht.

Doch anstatt das ganze vertrackte Konstrukt umzukrempeln, haben die Zeitungs-Verleger die Sache noch ein wenig radikalisiert. Sie verschenken ihre Inhalte im Internet. Es gibt Versuche, diese Praxis wieder abzuschaffen, aber ihr Erfolg hält sich in Grenzen.

Wer sein wertvollstes Gut im großen Stil kostenlos weggibt, darf sich nicht wundern, dass die Menschen daraus eigenwillige Schlüsse ziehen: Dass man wertvolle journalistische Inhalte wie Kugelschreiber behandeln kann, die wir auf Computermessen geschenkt bekommen: geringschätzig, undankbar, beiläufig. Und dass es zu unserem Grundrecht gehört, freien Zugriff auf die Produkte unserer Medienhäuser zu erhalten. Wer könnte es den Menschen verdenken?

Weder in die eine noch in die andere Falle sind die Buchverlage bislang getappt. Gut so. Sie verlangen angemessene Preise für ihre Bücher und bewachen sorgsam die Verbreitung ihrer Manuskripte. Ob das so bleiben wird, weiß ich nicht. Ich kann es nur hoffen. Der Umgang mit der Frage des digitalen Publizierens wird es uns zeigen.

Um mir wieder bewusst zu machen, wie radikal das Internet die medialen Kräfteverhältnisse durcheinander gebracht hat, beame ich mich gelegentlich um 15 Jahre zurück. Und schaue auf die Publikations-Möglichkeiten, die wir als freie Journalisten und Autoren damals hatten.

Was für ein Anblick!

Da gab es eine überschaubare Zahl an Zeitungen, ein paar Fernseh- und Radiosender, in deren Redaktionen eine ebenso überschaubare Zahl an Menschen arbeitete. Die wachten darüber, wer was und wie veröffentlichen durfte. Der Platz war eng, das Gedränge groß und wenn man sich nur lang genug mühte, wurde man irgendwann selbst zu einem dieser Schleusenwärter.

Diese Situation war vorteilhaft und fatal zugleich. Wer zum Beispiel unbequem wurde, den servierte man einfach ab; und schon war er verstummt. Wer hingegen geschickt genug war, konnte ganze Debatten in bestimmte Richtungen drängen, denn die mediale Öffentlichkeit war überschaubar. Und fest angestellte Redakteure waren allein dadurch mächtig, dass sie saßen, wo sie saßen.

Ich kann mich sehr gut an jenen Moment erinnern, als mir das schlagartig bewusst wurde: Ich war noch kein Jahr Kulturredakteur des ?Standard?, als mich zum ersten Mal der ? gleichsam für mich ?zuständige? ? Minister anrief, um mir etwas mitzuteilen. Und zwar persönlich. So ist das zwar immer noch, aber sowohl Minister als auch Journalist wissen, dass diese Zeiten vorbei sind.

Denn heute sind der Minister und der Redakteur nicht mehr allein. Sie haben Gesellschaft bekommen. Und was für welche!

Denn wer keine Möglichkeit findet, publiziert zu werden, wird sein eigener Verleger. Er geht ins Internet, eröffnet ein Blog, gründet ein Online-Magazin, verkauft sein Manuskript als eBook direkt an die Leser. Dabei entsteht zwar viel unnützes Zeug. Aber es gibt eine steigende Zahl von Beispielen, die zeigen, dass die Entmachtung der klassischen Medien ungeahnte Chancen eröffnet, als einzelner gehört zu werden.

?Viele Journalisten wissen, dass sie nicht mehr das Exklusivrecht besitzen, Informationen zu verteilen.? So können wir es in der Financial Times Deutschland lesen ? und uns von jedem Blogger vorführen lassen. Leitartikel, Analysen, Reportagen werden nicht mehr bloss in den Informations-Grossküchen hergestellt, sondern in unzähligen winzigen privaten Garküchen. Schon allein das Gesetz der Wahrscheinlichkeit besagt, dass darunter einige sein müssen, die den klassischen Journalisten ebenbürtig sind ? und bleiben werden.

Doch mit den Betreibern dieser Garküchen sind uns Journalisten nicht nur neue Konkurrenten erstanden. Wir haben auch neue Kontrolleure bekommen. Vor 15 Jahren blieb dem enttäuschten Leser nur das Telefon und der Brief. Armselige Mittel, vergleicht man sie mit dem Internet, das voller Kommentare, Zwischenrufe und Korrekturen schwirrt ? und das solcherart zu einer Art zweitem Textkörper geworden ist, der sich sekundenschnell um viele Thesen, Halbsätze und Artikel legt, sie erweitert, korrigiert oder entstellt.

Kein Wunder also, dass mittlerweile viele davon überzeugt sind, dass die Besitzer der Garküchen und die frei flottierenden Kommentatoren die wahren Journalisten sind. So lebendig, wie sich diese Szene darstellt, fällt es einem leicht, von ihr begeistert zu sein. Es reicht schon ein Blick in die Wikipedia. Oder ein zweiter in Facebook, wo ich seit zwei Jahren meine Autoren-Seite pflege. Mit Unterbrechungen, aber bis heute mit dem Gefühl des Gewinns.

Doch die Begeisterung für die sozialen Netze verbindet sich oft mit einem anderen Phänomen: der Schmähung der klassischen Journalisten, ungleich seltener der Autoren. Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Zeitungshäuser diese Umkehr der Kräfteverhältnisse (zumindest unbewusst) befördern ? ja, dass die ehedem mächtigen Journalisten aktiv daran mitwirken, sich selbst zu demütigen.

Nicht anders ist für mich die Politik von Zeitungs-Homepages wie jener des ?Standard? zu erklären. Dessen Online-Journalisten lassen es seit Jahren zu, dass anonyme Poster nicht nur jeden Artikel, sondern auch deren Autoren und die darin erwähnten Personen brutal zerpflücken. Nichts gegen Kritik ? aber so wenig akzeptabel das alte Modell journalistischer Selbstgerechtigkeit war, so wenig ist es diese Inszenierung: Wer zulässt, dass Meinungsmacher anonym bleiben, missachtet eine wichtige Voraussetzung offener Diskussionen: Dass die Kontrahenten einander kennen und einschätzen können müssen. Daher wird in diesen Darkrooms der Debatte auch kaum eine hilfreiche Diskussion gefördert, sondern bloss die Verbreitung von Ressentiments.

Weil sich Zeitungen über Jahrzehnte glänzend verkauften, sahen Journalisten keine Veranlassung, sich in der Kunst der Selbstkritik zu üben. Wozu auch? Man war vollauf damit beschäftigt, Politikern, Wirtschaftsbossen und Buchmessen-Organisatoren klare Handlungsanweisungen nach dem Muster ?Die Wirtschaft muss endlich …? zu geben.

So blieb auch bis heute die Erkenntnis folgenlos, dass wir Journalisten beträchtlichen Einfluss auf die Konstruktion politischer und gesellschaftlicher Wirklichkeiten haben. Wo blieb die Reaktion auf die zigfach publizierte Einsicht, dass es die schwarzweissen Heroen-Titelbilder angesehener Nachrichtenmagazine waren, die den Mythos Jörg Haider mit begründet haben? Und wo bleibt die Reaktion auf die ebenso bekannte Einsicht, dass die Geschäfte von Populisten wie H.C. Strache besorgt, wer jede ihrer Volten kommentiert ? anstatt sie effektvoll zu ignorieren?

Es wäre an der Zeit … doch halt, jetzt klinge ich wie die eben gescholtenen Politikberater … also: Ich wünsche mir, dass Journalisten und Medienunternehmen ein ähnliches Bewusstsein für ihre ?Corporate Social Responsibility? entwickeln, wie das viele Unternehmen seit Jahren tun. Die begreifen sich nämlich als Bürger, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft Verantwortung tragen.

Doch die erfolgreichen Jahre haben uns Journalisten nicht nur selbstgefällig gemacht. Sie haben auch unsere Autoren-Egos aufgebläht, bis sie aussahen wie aufgeregte Kugelfische. Wir alle kennen den Typus jenes Journalisten, der sich weniger als kritischer Beobachter, denn als Teil des politischen Kräftespiels versteht.

Nicht dass wir uns missverstehen: Ich laste dieses Verstricktsein in das Spiel der Macht nicht nur den Journalisten an. Daran wirken viele mit, allen voran Politiker und Lobbyisten. Es ist ein Geben und Nehmen, das allen nützt.

Was ich uns Journalisten aber anlaste, ist der beharrliche Widerwille, unser Mitwirken an jenen Zuständen zu beenden, die wir so gerne kritisieren. Und das öffentliche Nachdenken darüber an einige Wenige zu delegieren wie an Franz Schuh, Doron Rabinovici, Armin Wolf und Armin Thurnher, den Chefredakteur des ?Falter?, der an diesem Freitag vom ?österreichischen Buchhandel? geehrt wird, ganz zurecht und ein wenig spät. Aber sei?s drum.

Erfolgreiche Zeiten lassen nicht nur die Egos wachsen, sondern auch die Fähigkeit zur Innovation verkümmern. Verändert hat sich in den vergangenen Jahrzehnten allenthalben die Gestaltung von Zeitungen ? aber sonst?

Wo bleiben die innovativen Erzählformen für Printmedien? Wo die Konzepte, die auf die veränderte Rolle von Tages- und Wochenzeitungen reagieren? Wo die Manifeste der Printjournalisten mit Titeln wie ?Auf zu neuen Ufern?? Und wo die fröhliche Bereitschaft, das Internet als Chance zu begreifen, die einem zwar das alte Leben kosten, aber ein neues schenken kann ? in Ansätzen zumindest?

Doch bisher hat das Gros der Journalisten das Nachdenken anderen überlassen. Den Kleinen, den Schnellen, den Mutigen. So gibt es eine Reihe von Printmedien, die uns zeigen, wie eine mögliche Zukunft aussehen könnte ? und wie keinesfalls. Dazu muss man sich nur einen halben Tag durch all jene Printtitel wühlen, die in kleinsten Auflagen erscheinen und die alle eine einzige Frage zu beantworten versuchen: Wie weiter? Ja, es würde schon reichen, zur Trafik um die Ecke zu gehen, um sich österreichische Titel wie ?Fleisch? und ?Datum? zu besorgen.

Auch den Diskurs über unsere Zukunft haben wir anderen überlassen. Und zwar Leuten, denen als Bezeichnung für unsere Artikel, Bilder und Analysen stets nur ein einziger erbärmlicher Begriff einfällt: nämlich ?Content?. Die in diesem ?Content? nichts anderes erkennen als eine formlose Masse, mit der man Oberflächen wie Zeitungen und Weg-Pages zukleistern können soll, damit das Anzeigengeschäft wieder anspringt.

Umgekehrt gilt: Wer das Nachdenken so fahrlässig aus der Hand gibt wie wir Journalisten, der darf sich nicht wundern, wenn er zum Content-Lieferanten degradiert wird. Fast hätte ich gesagt: ?Recht geschieht uns!?

Das tut es natürlich nicht. Na ja, vielleicht in Maßen. Denn die Journalisten sind mit ihrer Ratlosigkeit nicht allein. Sie teilen sie vielmehr mit ? allen. Es eine besondere Ratlosigkeit, den Umständen angemessen, denn jeder weiss, was los ist, aber jeder weiss etwas anders.

Es gibt Angenehmeres, als von den Zeitläuften dazu gedrängt zu werden, über sein Leben nachzudenken. Ich weiss. Aber sooo schlimm ist die Situation auch wieder nicht, birgt sie doch ebenso viel Riskantes wie Vielversprechendes. Es ist an uns, eine Wahl zu treffen.

Womit ich beim Titel meiner Rede gelandet wäre, bei den ?Inglourious Basterds?.

Wenn ich daran denke, was viele meiner Kollegen und ich so treiben, dann glaube ich, dass wir eine halbwegs brauchbare Antwort auf die Krise des Journalismus gefunden haben. Während die Zeitungs-Verleger noch rätseln, haben wir in den Verhältnissen eingerichtet, notgedrungen. Und eine Existenzform zusammen gebastelt, die ich mit jenem Begriff umschreiben will, den ich bei Quentin Tarantino geliehen habe.

Ich sehe den Wert meines Hinweises auf das Modell der ?Inglourious Basterds? weniger darin, es anderen zu empfehlen. Mir geht es vielmehr darum, dass wir ?Basterds? uns zu ihm zu bekennen sollten. Offen und selbstbewusst. Doch bevor wir soweit sind, sollte ich vielleicht kurz schildern, wie ich diese ?Basterds? charakterisiere.

Wenn ich den Platz benennen sollte, an dem sie zu finden sind, dann gibt es dafür nur eine Beschreibung: zwischen den Stühlen, den Medien, den Fronten. Sie sind ohne feste Anstellung. Haben die eine oder andere wackelige Pauschale im Rücken. Klassische Selbständige also, die nur ein einziges Produkt im Portfolio haben: sich selbst. Und die dazu genötigt sind, aus diesem ?Ich? eine Marke zu machen.

Es sind Ambivalenzen, die den ?Basterd? auszeichnen, und es ist die Schwierigkeit, ihn dingfest zu machen.

So hat er zum Beispiel das Publizieren in klassischen Zeitungen längst zum Hobby erklärt ? um nicht melancholisch zu werden und nicht pleite zu gehen. Wenn man nämlich, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, für halbseitige Artikel in österreichischen Tageszeitungen rund 170 Euro vor Steuern bekommt, dann kann man dieses Schreiben nur mehr neu definieren, denn ein Businessmodell alter Form ist es nicht mehr. Definieren als Freizeitbeschäftigung. Oder als Versuch, sich als klassischer Journalist in Erinnerung zu rufen ? wenn schon nicht bei anderen, so zumindest bei sich selbst.

Es gehört zu den irritierenden Erfahrungen vieler ?Basterds?, auf der Suche nach neuen Einkommensquellen nicht nur fündig geworden zu sein, sondern dort auch deutlich besser bezahlt und behandelt zu werden als in den angestammten Redaktionen.

Auch davon kann ich aus eigener Anschauung erzählen. Ich weiss nicht, ob das Unternehmen, das vor kurzem die Formel 1-Weltmeisterschaft gewonnen hat, Wert darauf legt, in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden. Egal. Aber wenn ich die letzten Jahre kurz Revue passieren lasse, so hat es sich die Redaktion des ?Red Bulletins?, für die ich seit Jahren eine Kolumne schreibe, verdient, an einer der ersten Stellen genannt zu werden.

So liessen sich weitere Betätigungsfelder beschreiben, auf die sich ?Basterds? vorgewagt haben ? und weiter vorwagen sollten. Das Interessante daran ist weniger, dass wir als Gelegenheits-Entwickler neuer Kundenmagazine, als CvD auf Abruf und als Betreiber eines kleinen Blogs, bei dem die Internetsurfer mittels Mausklick Eurocent-Beträge bezahlen, irgendwie leben können.

Interessant erscheint mir vielmehr, dass diese Patchwork-Lebensläufe unter Journalisten immer häufiger zu beobachten sind. Pendelnd zwischen den Genres, zwischen Print und Online, zwischen Zeitungen und Unternehmens-Magazinen. Die klassischen Karrieren lösen sich zunehmend auf, an ihre Stelle treten Menschen ? wie ich.

Als ?inglourious? bezeichne ich diese ?Basterds?, weil sie jenes Heroische abgelegt haben, das typisch war für das alte Journalisten-Ego. In der Regel unfreiwillig und unter Krämpfen, aber was zählt das schon, wenn es erst mal vorbei ist damit.

Und als ?inglourious? bezeichne ich diese ?Basterds? auch, weil ein Großteil von ihnen den Sound des klassischen Journalismus hinter sich gelassen hat oder es zumindest versucht. Sie pflegen eher offene Formen, fragen eher, anstatt apodiktisch zu behaupten, hören auf Zurufe und sind bereit, über die Umstände zu erzählen, unter denen ihre Texte entstanden sind.

Man sollte den Pragmatismus und die Illusionslosigkeit der?Basterds? nicht mit Opportunismus verwechseln. Wir haben nur gelernt, mit unseren Möglichkeiten etwas flexibler umzugehen, unsere Autoren-Egos anders einzusetzen ? um sie gegebenenfalls sehr klein zu machen, dann aber wieder machtvoll zu reaktivieren.

Womit wir beim letzten Teil meiner Rede angelangt wären. Bei den Büchern und der Messe, die ihnen glücklicherweise gewidmet ist.

Will man wissen, welchen Stellenwert klassische Bücher wirklich haben, beobachtet man am besten, was all jene tun, die sie für antiquiert halten. Die Apologeten digitalen Publizierens zum Beispiel, die einander in abschätzigen Bemerkungen überbieten, die klassischen Medienhäuser wüssten nichts anderes zu verlegen als ?Holzmedien?.

Doch anstatt uns zu beweisen, wie die neue Welt aussieht, haben sie nichts Besseres zu tun, als Romane über die New Economy zu schreiben oder Sachbücher über das Ende des Bedruckten oder über die Erfolgsstrategie von Google, um sie dann klassischen Verlagen anzubieten. Damit die was daraus machen? Richtig: auf echtes Papier gedruckte Bücher.

Es ist also etwas dran, am Buch. Dieses Etwas lässt es nicht nur bei den Digerati, sondern auch bei den ?Basterds? sehr gut aussehen. Und dieses Etwas macht es zu einem Medium, von dem wir noch viel erwarten dürfen.

Seine Anziehungskraft verdankt das Buch einigen Eigenschaften, die man intuitiv als wenig zeitgemäss bezeichnen würde ? die sich aber als notwendiger denn je herausstellen. Dazu gehört seine Autonomie. Seine Absage an die permanente Veränderung, der Texte im Internet unterworfen sind. Seine Weigerung, sich verlinken zu lassen ? wichtige Voraussetzung dafür, ?eine geistige Einheit? zu bilden, wie Franz Schuh das nennt.

Während die elektronischen Verbreitungsmedien uns ständig in unserer Konzentration stören, indem sie uns ?weiterführende Links?, ?Bildergalerien? und ?Kommentarmöglichkeiten? anbieten, bleibt das Buch bei sich. Und wir ? dank ihm ? bei uns. Welch avantgardistische Beschränkung auf das Wesentliche!

Weil dem Buch ? na gut, dem gelungenen Buch ?, diese kraftvolle Selbstbeschränkung nicht auszutreiben ist, bietet es auch Raum für viele Formen von Individualitäten, die in klassischen Zeitungen unmöglich wären.

Es ist die historisch entstandene Perfektion des Buchs, die es so stark und die es so langlebig macht. Verglichen mit dem iPad hat das gedruckte Buch nämlich eine ausgereifte Benutzeroberfläche, einen extrem geringen Stromverbrauch, ein spiegelfreies Display und ein unüberbietbares Handling, lässt es sich doch zusammenfalten, beschreiben und durch einfache Handbewegungen durchblättern.

Doch warum sollten gerade wir ?Basterds? das Buch so notwendig brauchen? Nun, das liegt an unserer Art zu arbeiten. Daran, dass uns die Verhältnisse (und ein wenig auch wir selber) dazu nötigen, ständig zwischen den unterschiedlichsten Auftraggebern, Medien, Ebenen und Textsorten zu switchen. Ein Zustand der ständigen Abschweifung und des Multitasking, der seelisch und intellektuell nur zu bewältigen ist, wenn wir ab und zu und dann für Monate Bücher recherchieren und schreiben dürfen.

Oder zumindest davon phantasieren, es endlich einmal zu tun.

Wird das Buch also bleiben, wie es ist? Selbstverständlich nicht! Das Verlagswesen wird sich ändern, das Leben der Büchermenschen auch. Wir stecken in den Anfängen dieser Veränderungen. Aber die Stärke des Buchs, die Bedächtigkeit seiner Entwicklung, verschafft uns Zeit, auf sie zu reagieren. Dass die Verlage nicht alle Fehler der klassischen Medien und der Musikindustrie wiederholen – davon bin ich überzeugt. Wozu sollten sie sonst auch gemacht worden sein? Eben.

Sie erinnern sich an meine alte Freundin, die ich zu Beginn meiner kleinen Meditation zitierte? Die meinte, dass es sie kränke, ?wie sehr unser Beruf auf den Hund gekommen ist??

Nun ? sie hat vor kurzem ihr Glück gemacht. Und sie verdankt dieses Glück ihrem Mut, ein ?Inglourious Basterd? zu sein, wenn sie sich selber auch nicht so nennen dürfte.

Sie hat nämlich 14 Fragen aus allen möglichen Wissensgebieten richtig beantworten können, sich also höchst erfolgreich zwischen allen Genres und Themen, zwischen Hoch- und Massenkultur hin- und her bewegt und solcherart bei ?Wer wird Millionär? gewonnen ? eine halbe Million Euro.

Ob ich diese Volte befremdlich, belanglos oder beflügelnd finden soll ? darüber bin ich mir noch nicht so sicher. Eine passable Schlusspointe ist sie allemal.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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