Krautreporter: Kapitän Schettino geht von Bord

19.06.2015

Da ich den Krautreportern vor deren Start im Juni 2014 gewünscht habe, sie mögen »vorerst konstruktiv scheitern« und sie jetzt dabei zu sein scheinen, ganz unkonstruktiv dasselbe zu tun, noch eine kurze Anmerkung zum status quo.

Dass die Krautreporter um ihre Existenz bangen müssen ist schon allein daran erkennbar, dass auf Twitter im Minutentakt die Tweets reinrauschen, man werde als GeldgeberIn das Krautreporter-Abo nicht verlängern. Einmal abgesehen von der wiederkehrenden Kritik an beliebigen Inhalten und ruckelnder selbstgebastelter Homepage-Software.

Das Spannende an Krisen ist meines Erachtens aber etwas anderes: Dass sich in diesen Momenten die charakterliche Verfasstheit der Beteiligten mit neuer Klarheit zeigt.

Unter diesem Blickwinkel macht Sebastian Esser, einer der Gründer der Krautreporter, eine sehr gute Figur. Er wirft sich ins Zeug, verteidigt die Idee, erklärt Fehler, tut, macht, exponiert und verausgabt sich. Ob er mit allem recht hat, was er da sagt und tut, mag dahingestellt bleiben – aber so stelle ich mir jemanden vor, der eine Idee hat, an sie glaubt, anderen dafür weiteres Geld abschwatzt und unter Einsatz persönlicher Reputation und Kraft zu retten versucht, was zu retten ist. Das persönliche Scheitern stets vor Augen (ganz so, wie das die an Silicon Valley geschulte Wirtschaftselite dieses Landes immer fordert).

Blickt man sich unter diesem Aspekt das Verhalten eines anderen Kapitäns der Krautreporter an, so wird man wenig Schmeichelhaftes entdecken. Die Rede ist von Stefan Niggemeier. Bekanntlich verlässt er die Krautreporter. Das ist sein gutes Recht. Sein Verhalten erinnert mich aber an einen gewissen Francesco Schettino, der 2012 einen Ausflugsdampfer auf Grund gesetzt hat – und dann als einer der ersten von Bord ging. Ich will kurz erklären, wie ich drauf komme.

Stefan Niggemeier galt vielen Financiers des Projekts »Krautreporter« als wichtiger, wenn nicht ausschlaggebender Grund, Geld zu geben. Und sie hatten recht damit: Der Mann weiss seit vielen Jahren sehr gut bescheid, geht es nun darum, wie man Printmedien führt / vollschreibt / gestaltet. Oder geht es darum, welche Fehler man als Journalist im WWW besser nicht macht und welche Dinge man unbedingt beachten sollte. Nicht ohne Grund gilt er als einer der wichtigsten Medien-Journalisten des Landes.

Stefan Niggemeier war also für Aussenstehende bzw. Abonnenten ein lenkender Kopf der Krautreporter. Wie immer das in der Praxis auch ausgesehen haben mag – so das Bild. Und das zählt.

Unter diesem Blickwinkel geht nun also einer der wichtigsten Personen des Projekts in exakt jenem Augenblick von Bord, in dem man wirklich jeden klugen Kopf, jeden selbstbewussten Verfechter einer Idee wie der Krautreporter brauchen kann. Und zwar geht Stefan Niggemeier unter Mitnahme des einzig Wertvollen, das die Krautreporter bislang produziert haben: Jeder Menge Erfahrungen, wie man ein solches freies Journalisten-Projekt am besten nicht aufsetzt.

Stefan Niggemeier scheint auch gar kein Problem damit zu haben, diese ideellen Schätze mitzunehmen, schreibt er doch in seinem Blog-Post: »Und ich? Ich bin wild entschlossen, aus den „Krautreporter“-Erfahrungen zu lernen und etwas eigenes (sic!) auf die Beine zu stellen: eine Plattform für Medienkritik, unterstützt von den Lesern. Demnächst mehr!«

Das ist auch die Stelle, an der der Vergleich mit Francesco Schettino endet. Der hat von seinem sinkenden Schiff nichts Wertvolles mitnehmen können. Stefan Niggemeier von dem seinen schon.

Aber sicher irre ich mich in dieser Angelenheit total, bin ich doch ein altmodischer Mensch, der an das Konzept des »ehrbaren Kaufmanns« glaubt, der für seine Idee in dem Moment zu kämpfen anfängt, wenn sie auf dem Prüfstand steht. Vergessen Sie also dieses Posting wieder.

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