Arnold und ich

22.09.2012

Portrait von A.Sch. angefertigt von L.A. im Auftrag des Schreibers des Textes am 22.9.2012 Herzlichen Dank dafür!

Steirer sind wie Moslems. Während letztere einmal in ihrem Leben in Mekka gewesen sein müssen, so muß jeder Bewohner des österreichischen Bundeslandes namens Steiermark einmal Arnold Schwarzenegger begegnet sein. Denn Arnold Schwarzenegger ist die Steiermark. Und die Steiermark ist Arnold Schwarzenegger, stammt der kalifornische Gouverneur doch aus einem Kaff bei Graz, das nicht einmal Einheimische kennen. Es heißt Thal, liegt auf 461 Meter Seehöhe und befindet sich etwa vier Kilometer nordwestlich der steirischen Landeshauptstadt Graz. Dort wurde Schwarzenegger am 30. Juli 1947 geboren.

Mir gelang es, Schwarzenegger am 29. November 1999 zu treffen ? leider nur in Ausübung meiner Pflicht als Redakteur der ZEIT, Ressort LEBEN. Das ist ein bisschen so, als würde man als Moslem auf Dienstreise nach Mekka geschickt, um mit dem Hausmeister der Kaaba zu sprechen. Es fehlt dem ganzen Unternehmen ein wenig der heilige Ernst, aber was soll?s. Ich war dennoch angemessen aufgeregt, als ich im Münchner Hotel ?Bayerischer Hof? am Promenadeplatz eintraf. In der Folgen freilich erlebte ich diverse Enttäuschungen, an denen ich nicht ganz unschuldig war.

Es begann damit, dass ich in einer Atmosphäre empfangen wurde, die den Verdacht nahelegte, Herr Schwarzenegger sei schwer krank oder psychisch am Ende, denn die vielen wichtigen Menschen der Filmfirma und die Schwarzenegger-Entourage sprachen ernst, mit gedämpfter Stimme und in knappen Halbsätzen, die mehr Andeutung als Aussage waren. Dazu kam, dass um die Türklinken sämtlicher Türen weiße Handtücher gewickelt waren, sodass es unmöglich war, sie zu schließen. Sie fielen vielmehr mit absoluter Geräuschlosigkeit nicht ins Schloß.

Dann musste ich warten. Ich saß in einem zum Besuchsraum umgebauten Hotelzimmer und starrte das unberührte Doppelbett an. Die kostbaren Minuten rannen dahin, der vereinbarte Gesprächstermin verstrich, doch nichts geschah. Auf dem Flur huschte medizinisches Personal vorbei und wisperte irgendetwas von ?… er ist noch nicht da?. Das Kissen des unberührten Doppelbetts schien mich anzulächeln. Ich lächelte zurück. Doch da! Jemand betrat den Raum. Es war eine sehr junge, sehr gut aussehende Ärztin. Sie beugte sich an mein Ohr und flüsterte: ?Ich fürchte, ….?

?.Ich fürchte?, sagte die junge Ärztin, ?Ihr Gesprächstermin wird sich verschieben.? Dann machte sie eine vielsagende Pause. ?Außerdem werden Sie nicht so viel Zeit mit Arnold haben, wie geplant. Wir sind ein bißchen in Verzug.? Sagte es und verschwand wieder. Ich begann zu rechnen. Dann trat mir der kalte Schweiß auf die Stirne. Wie sollte das klappen? Wie sollte ich in der wenigen Zeit ein irgendwie verwendtbares Gespräch zustande bringen? Die Zeit verging. Die Ärztin kam wieder. ?Nicht mehr lange?. Pause. ?Aber ich fürchte, es wird noch ein wenig kürzer, als …?

Als ich schliesslich in dem Zimmer saß, in dem ich Arnold Schwarzenegger treffen sollte, hatte sich meine Gesprächszeit auf exakt 10 Minuten reduziert und ich fror mir den Arsch ab. Arnold liebt frische Luft, man hatte also die Fenster weit geöffnet, obwohl draußen klassisches Novemberwetter herrschte. Zum Glück hatte ich mich verkleidet und meinen warmen steirischen Walkjanker angezogen. Ich wollte signalisieren: ?Wir, Herr Schwarzenegger, gehören zusammen. Öffnen Sie sich mir. Liefern Sie mir das Material für ein sensationelles Gespräch, das Pressegeschichte schreiben wird. Vertrauen Sie meiner Jacke!?

Als dann Schwarzenegger endlich kam und sich während meiner kostbaren 10 Minuten erst einmal umständlich eine Zigarre anzündete, ohne etwas zu sagen, ignorierte er meine Jacke. Genau genommen ignorierte er nicht nur die Jacke, sondern auch mich, denn er reagierte auch nicht auf mein unüberhörbares steirisches Deutsch, das ich extra für ihn ausgepackt hatte. Nichts. Kein Augenzwinkern. Kein vertrautes Nicken. Kein landsmännisches Schulterklopfen. Stattdessen sagte er mir, dass er auf meine Fragen nicht antworten werde, weil sie ihm zu negativ seien. Ich hatte mir nämlich ausgedacht, ihn ? anlässlich seines neuesten Films ? End of Days? ? nach der Möblierung seiner persönlichen Hölle zu befragen. Wir einigten uns nach ca. 3 Minuten und 17 Sekunden darauf, die Etage zu wechseln. ?Also lassen Sie uns über den Himmel sprechen.? Das ging. War aber leider nicht so unterhaltsam. Ausserdem kam nach der (gefühlten) ersten Frage eine Assistentin, schnitt uns das Wort ab und begleitete Arnold zum nächsten Interview. Ich saß noch eine Minute schweigend im Zimmer. Und versäumte es, das einzige mitzunehmen, das Schwarzenegger zurückgelassen hatte: die Bauchbinde seiner Zigarre im Aschenbecher. Ich hätte mich an ihm für die erlittene Zurückweisung meines Steirertums rächen können und ihm diplomatischen Ärger bereiten können: Er hatte nämlich eine kubanische Zigarre geraucht. Obgleich: Wir waren in München und die USA weit …

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