Demokratie braucht Vertraulichkeit

04.12.2010

Aus gegebenem Anlass: Hier der Text einer Rundmail von Dirk Helbing und Stefano Balietti, ETH Zürich. Publikation an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung der Autoren.

Datenklau: Nichts zu verbergen?

Facebook-Gründer Zuckerberg erklärt die Privatsphäre für veraltet, der CEO von Google meint lapidar, was man nicht wolle, dass andere erfahren, solle man besser gar nicht erst tun. Nicht einmal geheimste Daten sind sicher ? spätestens die Wikileaks-Enthüllungen zeigen eindrucksvoll, wie einfach brisantes Material in fremde Hände geraten kann. Ist das Konzept der Privatsphäre tatsächlich überholt?

Transparenz in Ehren ? doch wer glaubt, wenn man nichts zu verbergen hätte, bedeute automatisch eine bessere Gesellschaft, der irrt. Im Gegenteil: Privatheit und Geheimhaltung an der richtigen Stelle ist für das Wohl einer Gesellschaft entscheidend. Gerade im ökonomischen Bereich spielt Geheimhaltung eine zentrale Rolle: Ohne sie gäbe es keinen Anreiz für Firmen, in aufwändige Forschung zu investieren, die erst längerfristig rentiert. Viel billiger wäre es, Innovationen bei der Konkurrenz abzuschauen. Ungehinderter Informationsfluss ist also de facto technischer Stillstand.

Wenn jeder weiss, was der andere tut und denkt, führt das zu einem Konformismus, der sehr schnell gefährlich werden kann. Ein Blick in die Geschichte zeigt dessen katastrophale Folgen. Einheitsdenken öffnet der Ausgrenzung und Stigmatisierung von Minderheiten Tür und Tor.

Doch soziale Normen ändern sich schnell und die Mehrheiten von heute könnten die Minderheiten von morgen sein. Zudem sind es erwiesenermassen oft Angehörige einer Minderheit, die zukunftsweisende Entwicklungen erst möglich machen. Eine Gesellschaft ist also auf ihre Minderheiten und den adäquaten Schutz derselben angewiesen. Mit der Gefährung des Pluralismus ? oder der Soziodiversität – ist die Grundlage einer jeden demokratischen Gesellschaft bedroht.

Doch auch auf persönlicher Ebene ist die Bedeutung der Privatsphäre gar nicht hoch genug zu schätzen: Versicherungen würden es bestimmt begrüssen, wenn sie Patienten in Risikogruppen unterteilen und dann von Patienten mit erhöhtem Risiko für Krankheiten höhere Prämien verlangen könnten. Nicht zu vergessen, dass es Berufsgruppen gibt, für die der Schutz ihrer Privatsphäre unter Umständen lebenswichtig sein kann: Wenn Lehrer, Richter und Staatsanwälte nicht mehr ohne Angst vor Vergeltung ihre Tätigkeit ausüben könnten, dann könnte ein moderner Staat nicht funktionieren.

Herdentrieb und Konformismus

Ein simples Experiment, zeigt, wie leicht Individuen durch öffentliche Informationen beeinflusst und in die Irre geführt werden. In einem Experiment an der ETH Zürich waren die Teilnehmer angehalten, auf Sachfragen die richtige Antwort zu finden (zum Beispiel ?Wie viele Morde gab es im Jahr 2006??). Bereits die Kenntnis der Antworten der anderen Teilnehmer beeinflusst die eigenen Antworten ? selbst wenn es keinen sozialen Konformitätsdruck gibt. Waren die Ergebnisse bei versteckten Antworten zwar breit gestreut, so wurde die richtige Antwort doch gut approximiert. Gab es aber ein Feedback, das heisst, wurden einem die Antworten der anderen mitgeteilt, so konvergierten die Meinungen schliesslich ? oftmals weitab der richtigen Lösung. Dieser auch als Herdentrieb bekannte Effekt kann die Weisheit der Vielen unterminieren. Auch die Finanzkrise lässt sich wohl darauf zurückführen: Überreaktionen auf Information verzerren die Wahrnehmung der Tatsachen und können im schlimmsten Fall zur Systemkrise führen.

Pulverfass Internet

Einer der grössten Risikofaktoren beim Datenschutz ist heute das Internet. Seit den Terroranschlägen 2001 ist weltweit eine regelrechte Datensammelsucht ausgebrochen. Doch die Frage ist: Beherrschen wir das Internet ? oder beherrscht es uns?

Wer im Internet surft, hinterlässt einen digitalen Fingerprint. Aufgrund der personalisierten Browsereinstellungen ist es heutzutage möglich, mittels History Stealing den Surf-Verlauf zur verfolgen und so, in über 90 Prozent der Fälle, ein eindeutiges Profil des Users zu erstellen, welches zu Manipulationszwecken verwendet werden kann. Das Hackerbusiness floriert: Weltweit sind über 360 Millionen User von Datendiebstahl betroffen. Gross im Kommen ist der Identitäts-Diebstahl: Mit gestohlenen Passwörtern und Kreditkarteninformationen wird Handel getrieben. Facebook, 123people und co. wissen unter Umständen mehr über eine Person als ihre Freunde. Was passiert eigentlich mit den privaten Daten, die tagtäglich an irgendwelche scheinbar harmlosen Organisationen weitergegeben werden, sei es im Internet, sei es an der Hotelreception?

Kriminellen Absichten sind kaum Grenzen gesetzt ? eine traurige Aussicht, bedenkt man, dass im Internet mehr brisante Information gespeichert ist, als je ein Geheimdienst eines totalitären Staates besass.

Wissen ist Macht

Mit der Frage von Datenschutz und Privatsphäre haben sich auch Forscher vom Lehrstuhl Soziologie der ETH Zürich unter der Leitung von Professor Dirk Helbing befasst. In einem kürzlich veröffentlichten Papier monieren die Wissenschaftler, dass der User gezwungen werde, für die Nutzung vieler Angebote die Terms und Conditions zu akzeptieren ? ohne echte Alternative. Zudem liest kaum je ein User die viel zu langen und zu komplizierten Verträge, unterschreibt sie also blind. Unter ethischem Gesichtspunkt kann dies nicht als informierte Zustimmung gewertet werden. Dies verlangt also nach einer neuen gesetzlichen Regelung.

Helbings Gruppe setzt sich für ein vertrauenswürdiges, zukunftsfähiges Internet ein, das dem User die Kontrolle über seine Daten wiedergibt. Die Gefahr, dass sich nur noch Reiche den Luxus einer Privatsphäre leisten können, ist nämlich gar nicht so weit ? schon denken Firmen darüber nach, uns unsere eigenen Daten für teures Geld sozusagen zurück zu verkaufen.

Gemäss Helbing ist nicht entscheidend, wie viele Daten gespeichert werden, sondern wie sie gespeichert werden. Einerseits ist effiziente Anonymisierung und Randomisierung der Daten zu gewährleisten. Die Verwendung solcher Algorithmen könnte gesetzlich geregelt werden. Andererseits sehen die Forscher auch die Notwendigkeit der Entwicklung eines neuen Datenformats, das sowohl verschlüsselte wie unverschlüsselte Komponenten besitzt, und das dem User die volle Kontrolle über das File und den Kopien davon gibt. Nicht zuletzt könnte man damit auch im Copyright-Bereich beachtliche Verbesserungen erzielen.

Die aktuelle Veröffentlichung ist hier abrufbar.

Ansprechpartner: Prof. Dirk Helbing, Stefano Balietti, ETH Zurich.

© bei den Autoren

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