Giovanni diLorenzo: »Ein Akt des Masochismus«

19.10.2013

Name: Giovanni diLorenzo

Jobs: Chefredakteur (DIE ZEIT), Moderator (»3 nach 9«)

Alter: 54

Dauer des Gesprächs: 16 min

Ort des Gesprächs: Chefredaktion DIE ZEIT, Speersort 1, Hamburg

Unterbrechungen: 0

Gerauchte Zigaretten: 0

Aktuelles Buch: »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?«, Gespräche mit Helmut Schmidt, KiWi, 2012

Lesezeit für dieses Interview: 7 min

Fragen & Foto: Christian Ankowitsch

Editorische Vorbemerkung: Dieses Gespräch ist Resultat eines Hörfehlers ? Giovanni diLorenzo nahm an, ich würde das Gespräch für eine Publikation des ZEIT-Verlags führen, was ich nicht vor hatte. Erst bei der Autorisierung des Gesprächs stellte sich heraus, dass es dort, wo ich es publizieren wollte, nicht erscheinen konnte, weil eine Unternehmens-Publikation. Da uns das Gespräch aber gelungen erschien, einigten wir uns darauf, dass es hier erscheint, im Blog eines freien Journalisten, der seit zwei Jahren für TEMPUS Corporate arbeitet

Ankowitsch: Der häufigste ungebetene Kommentar an die Adresse der ZEIT?

di Lorenzo: Bevor ich hier begonnen habe: »DIE ZEIT hat keine Zukunft.«

Und jetzt, wo es läuft?

Ist es die Frage: »Wie macht Ihr das?«

Angst davor, dass es mit dem Erfolg plötzlich vorbei sein könnte, obwohl Sie nichts anders machen als die Jahre davor?

Permanent. Aber es ist auch gut, dass sie da ist.

Wie finden Sie die Abgesänge der Journalisten-Kollegen auf die »Holzmedien«?

Einen Akt des Masochismus.

Wodurch ist der begründet?

Ist mir ein Rätsel. Schon allein unter Marketing-Gesichtspunkten ist er eine Katastrophe. Es gibt auch heute erfolgreiche Blätter. Und wer sich eh zum Untergang verdammt fühlt, braucht sich auch nicht mehr zu fragen, ob er vielleicht selbst etwas falsch macht.

Ein Erklärungsversuch könnte wie lauten?

Der legendäre Europa-Korrespondent der »New York Times«, P. W. Apple, hat einmal gesagt, der Journalismus sei für die Mittelschicht das, was Boxen für die Unterschicht ist. Und tatsächlich ist der Journalismus für viele eine Aufstiegsgeschichte. Vielleicht äußert sich in dem Masochismus die ganz große Angst, wieder abzustürzen, den Aufstieg im Grunde gar nicht verdient zu haben.

Die wichtigste Erfahrung aus der Zeit, als Sie Ferienjobs gemacht haben?

Finde heraus, was du nicht kannst.

Und, was ist das?

Vieles: Ich kann keine Drehbücher schreiben, kein Radio machen, keine Karten lesen. Und bin leider für alles Manuelle untauglich.

Ihr gloriosester Misserfolg?

Der Versuch, nach dem Abitur in Hannover ein Café zu eröffnen.

Es gibt auf Twitter 20 Giovanni di Lorenzos. Welcher davon sind Sie?

Keiner.

Ihre Notfrage, wenn Sie bei Ihrer Talkshow merken, es geht nicht voran.

Das ist auch eine permanente Angst, das Blackout. Die Notfrage lautet: »Ich habe über Sie gelesen ?«

Eine Frage, die Ihnen nie über die Lippen käme?

»Warum sind Sie so langweilig?«

Haben Sie Spaß daran, sich die Aufzeichnungen Ihrer eigenen Talk-Show anzusehen?

Null. Es gibt nichts Schlimmeres. Ich sehe sie mir nur unter herbem, äußerem Zwang an; wenn wir im Team eine Stärke-Schwäche-Analyse machen müssen zum Beispiel.

Sie schauen dabei unauffällig weg?

Ich versuche es.

Haben Sie sich jemals bemüht, sich Ihr typisches Kopf-schräg-Halten in der Talk-Show abzugewöhnen?

Nein. Damit habe ich mich abgefunden. Ich versuche mir aber das krumme und schräge Sitzen abzugewöhnen.

Sie sind in Stockholm geboren. Zufällig, geplant oder notwendigerweise?

Ich glaube, das war eine Fehlleistung meiner Mamá. Sie hat meinen Vater zufällig im Zug nach Stockholm kennen gelernt. Aber die Geschichte ist ein Roman für sich.

Eine Konstante Ihres Lebens?

Ja. Ich hatte zum Beispiel eine Tante, die Mitte der 1970er Jahr im Alter von 103 Jahre gestorben ist. Alles, was in ihrem Leben wichtig war, ist im 19. Jahrhundert passiert. Sie können sich vorstellen, wie weit der Bogen der Geschichten ist, die ich so mitbekommen habe.

Ihre Tante war eine große Geschichtenerzählerin?

Alle in unserer Familie. Als Kind habe ich ein paar Jahre im Haus meiner Großeltern in Rimini gelebt, das war eine richtige italienische Großfamilie. Hier habe ich Geschichten fürs Leben getankt.

Immer die selben Geschichten? Oder stets neue?

Kann man das trennen?

Sie sind als Halbwüchsiger von Rom nach Hannover gekommen. Man hat Sie hier als »Itaker« empfangen. Warum sind Sie geblieben?

Es ist unzulässig pathetisch zu behaupten, ich sei so empfangen worden. Es gab einen Nazi-Lehrer, der mich so vor der Klasse bezeichnet hat. Geblieben bin ich, weil ich eine Heimat gefunden habe: die deutsche Sprache.

Fühlen Sie sich als deutscher Italiener oder als italienischer Deutscher?

Hm …

Blöde Frage?

Ja.

Tut mir leid. Der italienischste Teil Deutschlands? Die ist okay, die Frage, oder?

Den finden Sie in München und in Wolfsburg.

In Wolfsburg?

Dort ist durch VW eine Art italienische Arbeiterkultur entstanden.Diesen Typus des Italieners ? dunkel gekleidet, »Gazzetta dello Sport« unterm Arm, sonntags am Bahnhof stehend ? habe ich erst in Deutschland kennengelernt. Den gab es bis in die 1970er-Jahre.

Der deutscheste Teil Italiens?

Das ist jetzt nicht besonders originell, aber wahr: Turin. Und natürlich das Trentino, Alto Adige, und Triest.

Jemals geraucht?

Ja.

Viel?

Nein, Genußraucher.

Eine Frage, die Sie Helmut Schmidt einmal gestellt haben: »Sie sind nie beleidigt, wenn Sie jemand kritisiert?« Er antwortete: »Nö. Und wenn, spiele ich nur den Beleidigten.« Und Sie?

Ich bin durchaus zu beleidigen. Im übrigen auch Schmidt; seine Antwort war nicht ganz aufrichtig, glaube ich. Aber man kann lernen einzustecken, bei der Arbeit muss man das sogar. Insofern empfinde ich es als große Qualität, dass es in der Werkstatt keine Beleidigung gibt.

Die anrührendste Antwort, die Helmut Schmidt auf eine Ihrer Fragen gegeben hat?

Als ich ihn gefragt habe, ob er nicht findet, vom Leben beschenkt worden zu sein, ist er auf Hanns Martin Schleyer zu sprechen gekommen. Dessen Leben ist ja geopfert worden. Schmidt sagte, dieses Drama wiege schwerer als die schönen Momente.

Wollen Sie nicht langsam zugeben, dass Giovanni di Lorenzo doch ein Künstlername ist?

Finden Sie?

Ab 50 sollten wir …

… zu den Ursprüngen zurück? Mit Hans Lorenz kann ich Ihnen leider nicht dienen.

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