Was ich diese Woche gelernt habe / Folge 1

24.03.2016

1. Am besten setzt man Ideen um, wenn die Gelegenheit am unpassendsten ist
Seit vielen Monaten geht mir die Idee für diese Kolumne durch den Kopf: Regelmässig aufzuschreiben, was ich in der vergangenen Woche gelernt habe.
Immer wieder habe ich den Start aufgeschoben. Keine Zeit, grade schlecht, kommende Woche dann!
Mit dieser Haltung habe ich es geschafft, sie nicht zu schreiben. Auch auf das Joggen habe ich auf diese Weise viele Jahre lang verzichtet. Grade schlecht, kommende Woche dann! Bis ich dann eines Tages spät abends zu meinem absoluten Erstaunen die Joggingklamotten anzog. Das Überraschende: Ich sah mir selber dabei zu, war jetzt schon entnervt von der Anstrengung – und machte trotzdem weiter. Und zwar so lange, bis ich die Strasse hinuntertrabte. Das Joggengehenundjoggengehenwollen lief ab wie ein Räderwerk, das ich nur anstossen hatte müssen. Anschließend lief es – je länger es vor sich hinklapperte – umso selbständiger ab. Jetzt jogge ich wieder, nachts – nein, nicht total regelmässig. Aber je unwilliger ich bin, umso eher neige ich dazu, mir dabei zuzusehen, wie es mir die Schuhe anzieht. Seltsam.

2. Schachteln, die in der Nähe bestimmter Schaustücke liegen, müssen diese nicht zwangsläufig enthalten
Mittwoch abends bei Saturn am Tauentzien (Berlin). Weil der Fernsehapparat audiotechnisch unterbelichtet, das Kind brav und noch ein wenig Zeit ist, streifen wir durch die Etagen des Elektromarktes. Auch, um dem TV-Gerät eine Soundbar zu spendieren. Der Berater berät kompetent, ich erbitte Bedenkzeit, sammle das Kind ein, kehre zurück zur Stätte des gelungenen Beratungsgesprächs und schnappe mir die letzte Schachtel der Soundbar. Ab nach Hause.
Dort will ich stolz die technische Neuerung präsentieren, öffne die Schachtel und ziehe aus ihr hervor: 2 leere Plastiktüten, 1 undefinierbares Kabel, eine dicke Bedienungsanleitung, leere Kartons. Das wars. Ich habe, wird mir blitzartig klar, eine leere Schachtel gekauft und stehe vor der Gelegenheit, zum einen meine Glaubwürdigkeit und zum anderen meine Blödheit unter Beweis zu stellen.
»Ich bin leider sehr doof«, sage ich zur Dame am Reklamationsschalter. Sie lacht überraschenderweise nicht, sondern sieht ein wenig besorgt drein. Nachdem ich ihr erklärt habe, was ich eben gemacht habe, greift sie zum Telefon, wendet sich von mir ab und beginnt leise in den Hörer zu sprechen. Der agile Securitymann hat Mitleid mit mir und weist darauf hin, dass ja die Seriennummer auf der Schachtel und jene der Ausstellungssoundbar im 3. Stock identisch sein müssten.
Kaum habe ich der Dame diesen feinen Streif der Hoffnung am Horizont meines Glaubwürdigkeitsproblems skizziert, greift sie wieder zum Hörer, wendet sich ab und beginnt leise in den Hörer zu sprechen.
Die Zeit vergeht. Der Securitymann erzählt mir unter anderem, dass man problematische Kaufhausbesucher u.a. an den Schuhe erkennen könne; die seien meist ungepflegt und löchrig. Weil ich weiss, dass er längst meine ungepflegten und löchrigen Vans entdeckt hat (ja, ich trage die Schuhe des Kindes auf), halte ich sie ihm ostentativ hin. »Das ist was anderes«, meint er, »der Rest von ihnen schaut nicht danach aus«. Vielsagendes Lächeln. In seinem Ohr knackt es.
Die Rettung ist schliesslich der Berater von vorhin. Als ich ihn, mit dem Karton der Schande, meiner Rechnung und einem Begleitzettel der Dame am Reklamationsschalter finde, erkennt er mich gleich wieder. Das Zeug werde immer leichter, sagt er, da könne man schon mal mit einer riesigen Schachtel mit nichts als einem dicken Handbuch drinnen, nach Hause gehen. Sagst, drückt mir die Soundbar in die Hand und winkt mich freundlich in den Feierabend.

Soweit das.

Energie! Und rütteln Sie demnächst an Ihrem Unwillen – vielleicht steckt nichts als eine zehnsprachige Gebrauchsanleitung drinnen, die Sie nicht brauchen

Ihr Ankowitsch

Folge 1 / 24. März 2016

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3 Antworten zu “Was ich diese Woche gelernt habe / Folge 1”

  1. Tröltzsch sagt:

    Sehr geehrter Herr Ankowitsch,
    soeben habe ich Ihr Buch “mach´s falsch, und du machst es richtig” zu Ende gelesen. Vielen Dank für die erhellenden Momente die sie mir damit verschafft haben!
    Eine Frage, die sich mir in Bezug auf das Thema der Verneinenden Aussagen stellt, ist, wie sind die oft negativ prägenden Aussagen kleinen Kindern gegenüber zu deuten, wenn z.B. Erwachsene ihrem Kind immer wieder sagen: “So wird das nichts.” oder “Aus dir wird eh mal nichts Gescheites.”
    Psychologische Studien besagen doch, dass solche Sätze oftmals als Lebensprogramm “aufgesogen” werden und mitunter der Grund dafür sein können, dass sich diese “Prophezeihungen” tatsächlich später auch so erfüllen.
    Wenn das so ist, passt es doch nicht dazu, dass ein negativ formulierter Satz, oft das Gegenteil (also etwas positives) auslöst.
    Können Sie mir dazu Ihre Gedanken schreiben?

    MfG
    Alexander Tröltzsch

  2. Sibylle Knauer sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Ankowitsch,

    heute bin ich das erste Mal auf Ihrer Seite und stelle gerade fest, dass Sie offensichtlich seit März nichts dazu gelernt haben. Wie schade. Oder hatten Sie nur keine Zeit, gerade schlecht, verschoben auf die kommende Woche usw., das aufzuschreiben? Oh, das kenne ich nur zu gut.
    Habe gerade Ihr Buch “Warum Einstein …” durchgelesen. Sehr interessant. Hab mir einiges notiert, was ich mal ausprobieren und bei Erfolg in meinen Alltag integrieren will. Eine Frage habe ich zu Ihrem Buch: Wissen Sie, wo man solche Lampen kaufen kann, bei denen man den Blau- und Rot-Anteil sowie die Lux-Zahl verstellen kann? Wenn Sie das wissen, verraten Sie es mir bitte?
    Danke im Voraus. Danke auch für das Buch. Werde auch die weiterführende Literatur durchstöbern, mehr oder weniger.
    Ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen bei allen Ihren Projekten.
    Herzliche Grüße (und eine virtuelle Umarmung) aus Berlin von Sibylle Knauer

    • Christian Ankowitsch sagt:

      Liebe Sibylle Knauer,
      Sie haben recht – schlechtes Gewissen! Zeitmangel, zu viel vorgenommen, die Kinder, das neue Buch, andere lebenserhaltende Massnahmen – frisst alles mein kleines Zeitbudget. Jetzt auch noch die “les.art”.
      Danke für Ihren Zuspruch, was den Einstein betrifft. Das freut mich sehr.
      Wegen der Lampe: Ich höre eben zum erstenmal davon. Ich bin also leider der absolut Falsche, um etwas zu raten … Sorry.
      Ihnen das Beste von Berlin nach Berlin

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